The Armory – und was davon bleibt.

von Gastbloggerin Suzanne Levesque

12 Aug The Armory – und was davon bleibt.

Für Teilnehmer der Kunstwelt sind sie die regelmäßigen Feiertage – die großen Messen, auf denen Seher und Gesehen-Werder zusammenkommen, um nach unausgesprochenen Regeln ihren Ritualen zu frönen. Und eigentlich läuft alles immer gleich ab: die weißen Wände, die VIP-Bändchen, die Hostessen. Dann die Bilder und die Skulpturen, erst die gewagteren Stücke, dann die, die sich auf jeden Fall verkaufen, die Sammler, die Galeristen, die chronisch gelangweilten Gallerygirls, die immer weiter steigenden Preise, die immer verschrobenen Charaktere, dazu Champagner, Smalltalk und noch mehr Champagner – und das alles verschmilzt über kurz oder lang zu einem einzigen großen, Kunstweltfeiertags-Kunstmessen-Wust.

 

 

Am Hudson River entlang, auf Höhe der 52. Straße von Manhattan, fand dieses Jahr die Armory statt. Limousinen und Yellow Cabs tummeln sich davor, um ihren elitären Inhalt vor den Schlangen der Halle freizugeben. Und drinnen warten 205 Gallerien aus 36 Ländern, darunter zum ersten Mal in der Armory-Geschichte Gallerien aus Äthiopien, Kenya, Nigeria und der Elfenbeinküste. Eine Eintrittskarte: 45 Dollar pro Tag. Wow. Trotzdem: Gegen Ende des Tages ist die Armory komplett überfüllt, keiner kommt mehr rein, kaum einer will wieder raus.

 

The Armory Show VIP Preview

The Armory Show VIP Preview

 

Am Pier 92, die Halle der Moderne, ist der Aufbau der Stände erfrischend altbacken. An den teils verschachtelten und farbig gestrichenen Stellwänden kann man sich die Bilder toter Stars der Malerei (Freud, Kubin, Morandi und Co) aus unmittelbarer Nähe anschauen. Eine Intimität, die es sonst auf den riesigen, aalglatten Messen nicht gibt. Ich kann mir das Bild ‚nackt‘ vorstellen. Das heißt: Ohne Rahmen, ohne ausgeklügelter Hängung und als wären sie sogar noch feucht und so nah, dass ich darauf atmen konnte. Viele dieser Bilder werden nicht alt. Die Tatsache, dass diese Meisterwerke, die prädestiniert fürs Museum scheinen, einfach so zum Verkauf stehen, beflügelt meine Fantasie, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, ein Werk in meinem Zuhause aufzunehmen. Ein Blick auf die Fantasie-Preisliste beendet die Vorstellung.

 

The Armory Show VIP Preview

The Armory Show VIP Preview

 

Über eine silberfolienkaschierte Wendelstiege geht es herab zum Pier 94. Während man auf die weiter unten gelegene Halle niederschreitet, tut sich ein Panorama über alle Stände und Menschen auf, die sich gerade mit den zeitgenössischen Werken beschäftigen. Und so gerne ich hier länger geblieben wäre, so schnell werde ich von der Masse weitergespült, in die nächste Halle. Als ich an immer mehr Ständen vorbeigehe, gehen immer mehr Stände an mir vorbei und meine Meinung über einzelne Kunstwerke beginnt auszufransen. An wie vielen großartigen Arbeiten laufe ich wohl vorbei, ohne sie überhaupt wahrzunehmen? Doch manche Stücke scheinen im Kontext einer Kunstmesse sogar zu gewinnen.

 

 

Man fühlt sich plötzlich inmitten von zuviel Kunst und Menschen zu ihnen hingezogen. So war es mit einem Stück von Patrick Jacobs am Stand der Pierogi Gallery (eine Künstler-geführte Galerie aus NYC) Behutsam in die Wand eingelassen und geschützt hinter dickem Glas: eine wunderschöne, klitzekleine rosa Landschaft. Hätte ich „Pink Forest“ ohne den Wahnsinn um mich herum für ein kitschiges Gimmick gehalten? Ich weiß es nicht. Doch in diesem Moment will ich einfach nur hineinklettern, in diese perfekte Welt. Und ich fühle mich wie Alison im Wunderland.

Und dann, irgendwann, setzt es auf jeder Messe ein. Das Ikea-Phänomen – Environmental fatigue.

Reizüberflutet taumele ich auf einen schwarzen Klotz zu.

Endlich: ein Versteck in Form einer kinetischen Plastikqualle, die in diesem Klotz blinkte, zischte stöhnte und atmete. Ein mystisches Schauspiel des Licht und Installationskünstlers Shih Chieh Huang präsentiert von der Feldmann Gallery, die sonst in SOHO angesiedelt ist.

Und so rauscht es nun an mir vorbei. Das Klassentreffen der Eigendarsteller. Die Hochzeit der Käufer und Verkäufer. Der Feiertag der Kunstweltbewohner. Nirgends sonst sieht man sonst so viel Kunst auf einem Haufen als auf einer großen Kunstmesse, und nirgendwo sonst ist man gezwungen, so viel davon zu ignorieren – die Relikte bloßgestellter Seelen, persönlichen Qualen oder Ego-Höheflügen. Doch das Gute an der Welt gilt auch für die Kunstwelt: Man vergisst den Schmerz. In diesem Fall: Den Schmerz, der einhergeht mit der Vermarktung der Kunst; dem Hype, dem Trend, dem Konsum. Heute bleibt mir die Erinnerung an die Stücke, die mein Leben in diesem Moment bereichert haben. Die im Trubel auf sich Aufmerksam gemacht haben . Die, die mir inmitten einer sonderbaren, künstlichen Welt eine andere Perspektive geboten haben. Und was will man mehr von einem Kunstwerk?

 

Lisson Gallery, Allora & Calzadilla

Lisson Gallery, Allora & Calzadilla

 

– von Suzanne Levesque, alle Bilder von www.thearmoryshow.com