Skandal-Talk!?

02 Feb Skandal-Talk!?

VALIE EXPORT besuchte vor kurzem das offene Kulturhaus in Linz um einen wahrlich skandalösen Talk mit Sabine Folie, der leitenden Kuratorin der Kunsthalle Wien, zu führen. Als skandalös könnte man den Verlauf des Abends anhand mehrerer Gesichtspunkte beschreiben, aber ich will nichts vorweg nehmen:

Mit einer recht ausführlichen biografischen Einführung durch Sabine Folie wurde das Gespräch eröffnet. Eingehend wurde über das erstmals 1968 uraufgeführte und allseits bekannte Tapp und Tastkino diskutiert. Bereits in dieser Phase des Gesprächs war ich mir recht unsicher ob die sprachliche Darbietung, die doch recht monologisch aufgebaut war wirklich der Kategorie Diskussion zugeordnet werden kann. Ein erfolgreiches Gespräch sollte […] „darauf basieren, daß ein tragendes Einverständnis zwischen den Individuen besteht […][1]“ so lautete zumindest die Definition Gadamers, der ich mich nur anschließen kann . Dieses Einverständnis war zwischen den Gesprächspartnerinnen nur gering zu vernehmen, da die gezeigten Werke Exports fast ausschließlich durch Folie interpretiert und kommentiert wurden. Die gelegentlich namentlichen Beimengungen großer intellektueller Persönlichkeiten wie Hegel, Nietzsche, Focault bis hin zu Siegmund Freud um nur einige zu nennen wurden inhaltlich letztlich nicht näher ausgeführt. Selbst die Künstlerin zeigte Unsicherheit gegenüber der ihr vorgestellten theoretischen Komplexität, die nach eigener Aussage weitab ihrer ursächlichen Ambitionen lag.

Eine Ausnahme des Gesprächs zeigte sich bei der Betrachtung der Fotografie Aus der Mappe der Hundigkeit von 1969 die fast ausschließlich von der Künstlerin selbst erläutert wird. Die performativ sowie fotografisch umgesetzte Position, in der VALIE EXPORT ihren damaligen Partner Peter Weibel wie einen Hund an der Leine über die Straße führt wurde mitunter oft als feministische Provokation gegenüber vorherrschender Geschlechterverhältnisse interpretiert. Die Künstlerin selbst wiederlegte diese Annäherung großteils als zeitlich später zustandegekommene Interpretation. Ursächlich war die Performance als eine experimentelle Analyse menschlichen Verhaltens gedacht und wurde erst in späterer Abfolge mit Mehrdeutigkeit angereichert.

Die Präsentation der Videoinstallation … Remote … Remote von 1973 forderte letztlich den skanalösen Höhepunkt des Abends. Während sich die junge VALIE EXPORT auf der Leinwand der Selbstverstümmelung hingab und langsam mit einem Messer ihre Fingernagelhaut aufschnitt erlitt eine Rezipientin ein kurzzeitiges Blackout, stand aber schnell und ohne ärztliche Unterstützung wieder auf den Beinen. Künstlerin sowie Kuratorin befanden diesen unerwarteten Zwischefall wohl als zu schockierend und Sabine Folie beendeten den Abend mit wenigen Worten (ja wirklich!) und 45 Minuten zu früh.

Retrospektiv betrachtet blieben an diesem Abend viele Fragen unbeantwortet, und der erhoffte Einblick in die Ursprünge der Werke Exports wurden den Zuhörer*innen durch die theoretische Reflexion Folies weitestgehend unzugänglich gemacht.

[1]Ruchlak, Nicole, Das Gespräch mit dem Anderen. Perspektiven einer ethischen Hermeneutik, Würzburg 2004, 112.