Rezension: Aus der Sammlung – Klassiker, Entdeckungen und neue Positionen

29 Mrz Rezension: Aus der Sammlung – Klassiker, Entdeckungen und neue Positionen

Ein Gastbeitrag von Laura Höllhumer.

Seit Februar zeigt das Lentos in Linz seine neugestaltete Sammlungspräsentation. Genügend Zeit also, um die Ausstellung in 12 Räumen mehrmals zu besuchen und das neue Konzept kennenzulernen. Als kunstinteressierte_r LinzerIn kennt man die aus der Sammlung gestaltete Ausstellung, die jeweils ca. 3 Jahre bestehen bleibt, naturgemäß gut. Bei Neueröffnungen von Wechselausstellungen und anderen Veranstaltungen, die die kunstaffinen Stahlstadtkinder anlocken, wird auch immer wieder gerne ein Spaziergang durch die Sammlungsausstellung unternommen. Hier blicken einem dann von den Wänden vertraute Gesichter entgegen und über die drei Jahre hinweg baut man eine Beziehung zu den ausgestellten Werken auf. Wehmut um das Verschwinden der alten Bekannten kam bei mir jedoch keine auf, den schon nach den ersten Worten zu neuen Zugangsweise wird man neugierig und freut sich auf das Kennenlernen und das Schließen neuer Freundschaften.

Kuratiert wurde die Ausstellung sowohl durch die Kuratorinnen des Lentos, als auch durch die KünsterInnen Verena Dengler, Özlem Altin und Hans Kupelwieser und das KünstlerInnenkollektiv ekw14,90.

Der erste Raum beschäftigt sich reflexiv mit der Geschichte der Sammlung. Der kritische Selbstbezug resultiert auch aus dem nationalsozialistischen Erbe, das die Stadt Linz mit dem Ankauf von Kunstwerken aus der Privatsammlung von Wolfgang Gurlitt antrat.

Maria Lassnig Selbstbildnis mit Telefon, 1973 LENTOS Kunstmuseum Linz

Maria Lassnig
Selbstbildnis mit Telefon, 1973
LENTOS Kunstmuseum Linz

Nach dieser historischen Kontextualisierung tritt die BetrachterInnen in den von Verena Dengler gestalteten Raum, mit dem vielversprechenden Titel „Unähnliches Selbstbildnis“. Die Künstlerin blickt hier spielerisch und feministisch auf die von ihr arrangierten Objekte, wobei die sicherlich prägnanteste und den Raum dominierende Arbeit eine von Dengler und Yoan Mudry geschaffene Fototapete ist. Formal erinnert sie an die sogenannten „Memes“ im World Wide Web, in denen jeweils Text und Bild humoristisch zusammengestellt werden. In diesem Fall zeigt das Foto  Beyonce, wie sie US-Präsident Obama grüßt, verbunden mit dem Satz: „and here we see the leader of our nation greeting Barack Obama “ Darüber hinaus wählt die Künsterin Selbstportraits von Rudolf Hausner, VALIE EXPORT, Maria Lassnig und Anderen. Überhaupt bietet der Raum eine medial vielfältige Mischung.

Raum 3, überschrieben mit „Vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit“ bietet einen klassisch-musealen Zugang in der historischen Einteilung nach Epochen. Die Werke werden auf einer petrolblauen Wand präsentiert. Dieses dezente Aufbrechen des white cube durch die sensibel gewählte farbliche Akzentuierung, die die Werke umrahmt, ergänzt die experimenteller kuratierten, jedoch farblich reduzierten Räume der KünstlerInnen stimmig.

Der folgende, von Özlem Altin kuratierte Raum, wird abermals durch thematische Zusammenhänge gebildet und nennt sich „Untitled (Touch or Melancholy)“. Die Künstlerin entscheidet sich für ein eingeschränktes Spektrum in der Medialität: Es dominiert Schwarzweißfotografie, aber auch einige Gemälde und ein flachgelegter Nitsch, der durch die horizontale Positionierung skulpturale Qualität erlangt, finden sich hier. In diesem Bereich verlangsamt sich der Schritt und die lockere Hängung erreicht ein längeres Verweilen beim einzelnen Kunstwerk. Mit der Auswahl wird in der Tat eine gewisse, im Titel angekündigte Melancholie erreicht. Weiters ist die Berührung und die Geste ein großes Thema, zum Beispiel im gezeigten Video von Bruce Nauman oder prägnant in Schieles Gemälde „Doppelbildnis Heinrich und Otto Benesch“. Für mich bildet dieser Raum ein Highlight der Ausstellung und ergibt ein stimmiges Gesamtbild.

Andy Warhol, Marilyn, 1967 © Bildrecht Wien, 2016

Andy Warhol, Marilyn, 1967
© Bildrecht Wien, 2016

Nachdem man die Welt der Geometrie und Abstraktion durchschritten hat, blickt einem die an prominenter Stelle platzierte Fotografie Gottfried Helnweins von dem als Mickey Maus gestylten Marilyn Manson entgegen, die ihre Wirkung nie verfehlt. Im Raum „Pop Ikonen“ bildet die Annäherung der Kunst an die Populärkultur die Klammer der sechs Werke, wobei sich für mich jedoch leider kein Dialog zwischen den Werken entfaltet.

„Lineare Strukturen“ sind die nächste Station in unserem Rundgang und setzten der farbenfrohen Pop Art das Fehlen jeglicher Kolorierung entgegen, wodurch der die RezipientIn ganz in der Linienführung in Zeichnung und Fotografie, Maschinenästhetik und menschlicher Schöpfungskraft versinken kann.

Ein neues Format in der Sammlungspräsentation bildet „Zu schade für die Lade“ und zeigt jeweils zeitlich begrenzt Arbeiten aus dem umfangreichen Grafikdepot des Lentos. Folglich hält auch das mehrmalige Besuchen neue Entdeckungen parat.

Die Kuratorinnen entschieden sich weiters mit dem Raum „Stiftungen Lentos Freunde“ den GönnerInnen  des Lentos ein Denkmal zu setzen, indem in diesem Raum explizit nur durch Stiftungen der Lentos Freude erworbene Kunstwerke präsentiert werden.

Hildegard und Harold Joos Reduktion Nr. 15, 1975. LENTOS Kunstmuseum Linz © Bildrecht Wien, 2016

Hildegard und Harold Joos
Reduktion Nr. 15, 1975. LENTOS Kunstmuseum Linz
© Bildrecht Wien, 2016

Das Thema Rotation interessiert den Künstler Hans Kupelwieser im nächsten Raum. Er versammelt um seine eigenen Kunstwerken Arbeiten, die das Thema Bewegung verbindet. Die Bewegung ist eine durch plastisch anmutende Geometrie erzeugte, eine durch die Bewegung des Betrachters verursachte und jene der Kunstwerke selber.

Den Abschluss bildet der Raum „Von Geistern“, wobei die durch metonymische Verschiebung erzeugte sprachliche Ähnlichkeit zu „Von Gestern“ einen Trugschluss bedeutet, da sich hier nur zeitgenössische Positionen befinden. Stella Rollig rückt den verschwindenden Menschen in den Fokus. Die hier versammelten Werke entstanden alle nach den Fuß fassen der strukturalistischen und poststrukturalistischen Theorien in der Kunst und lassen die Abgebildeten hinter Masken verschwinden (wie in „Minutari“ von Maja Vukoje) oder verweisen nur auf den Menschen. In „Die Gläserne Frau“ von Mathilde ter Heije wird im plastischen Selbstportrait die Figur der Künstlerin selbst durchsichtig und zu leeren Hülle. Nachdem Künstlerinnen erstmals als solche wahrgenommen werden wollen, wird der Künstler als Schöpfer unter dem Schlagwort „Der Tod des Autors“ dekonstruiert. Dieser Raum behandelt das Nicht-Sichbare und rückt das Verdrängte und Ausgeschlossene in den Blick.

Wer glaubt nun die ganze Ausstellung erlebt zu haben irrt, denn ein Kunstwerk ist unsichtbar und zugleich überall. Das KünstlerInnenkollektiv ekw14,90 lädt zu einer virtuellen Erkundung der Sammlung ein und ermöglicht SmartphonebesitzerInnen mit ausreichend Akku über 12 WLAN Hotspots einen vielfältigen Zugang zu den Kunstwerken im Lentos. Einige verbundene Websites bestehen nur aus einem Bild, andere beanspruchen mehr Zeit, wie ein eigens produziertes Hörspiel oder ein kleines Spiel, jeweils basierend auf einem ausgewählten Kunstwerk. Als besonders erfreulich empfinde ich die Möglichkeit auch von außerhalb des Lentos die verschiedenen Seiten zu besuchen. Hiermit öffnet sich das Lentos nach Außen, hin zu der von Jugendlichen und Flaneuren besuchten Donaulände.

Die BesucherInnen werden Arbeiten der klassischen Moderne und zeitgenössische Positionen, die Neue Sachlichkeit und Pop Art, feministische Avantgarde und Informel vorfinden. Man spürt den Versuch, ein möglichst breites Spektrum von Arbeiten aus der Sammlung anzubieten, allerdings verabsäumen es die Kuratorinnen und kuratierenden KünstlerInnen nicht, Bezüge anzubieten und trotz der Vielfalt bleibt ein Zusammenhang gewahrt. Dies scheint mir eine der großen Stärken der Ausstellung zu sein. Ohne bevormundende Deutungsmuster wird es den RezipientInnen ermöglicht, selbst Beziehungen zwischen den Werken und den Räumen herzustellen.  Die angebotene Vielfalt eröffnet Denkräume und lädt zur kreativen Auseinandersetzung ein. Ganz im Sinne der durch die obligate politische Repräsentanz bei der Eröffnung angesprochene Bewusstmachung, dass die im Lentos zu besichtigenden Kunstwerke den BesucherInnen gehören.