Kunst_Wissenschaft_Theologie 28./29. November 2013

26 Nov Kunst_Wissenschaft_Theologie 28./29. November 2013

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„Man spürte es förmlich im ganzen Raum, wie alle wach wurden auf emotionaler Ebene. Manche schlossen sich der Kritik an, andere versuchten, die Angriffe herab zu mildern. Auf jeden Fall aber war die Aufmerksamkeit aller Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt erhöht […] – so der Kommentar einer Teilnehmerin zur Frage der Rolle von Emotionen in der Wissenschaft im Rahmen der Tagung

Hinführung:

Bei der diesjährigen Fachtagung des Fachbereichs Kunstwissenschaft am IKP der KTU Linz – in Kooperation mit der Zeitschrift kunst und kirche/ MEDECCO Holding – wurden die Themen Kunst und Religion unter dem Aspekt des Forschens betrachtet. Am ersten Abend hielten der Philosoph Dieter Mersch und der evangelische Theologe Thomas Erne Vorträge mit anschließender Podiumsdiskussion. Mersch gab einen historischen Überblick über Wissenschaft und Kunst. Erne thematisierte Hybridisierung, Multimedialisierung und Performativierung in Bezug auf die Theologie. Den Vorträgen folgte eine Lecture-Performance der Direktorin der Anton Bruckner Privatuniversität, Ursula Brandstätter gemeinsam mit der Tanzklasse unter der Leitung von Rose Breuss.

Beim zweiten Teil der Tagung folgten Vorträge zum Thema von KünstlerInnen, PhilosophInnen, KunstwissenschaftlerInnen und TheologInnen. So z. B. von Peter Totzke, der über das Philosophie Festival „Soundcheck Philosophie“ 2013 in Halle berichtete.

Oder vom Kunstwissenschaftler Giaco Schiesser, der eine provozierende Einführung in das Thema unter dem Leitmotiv „l`enjeu“ gab. Französisch „l`enjeu“ bedeutet Einsatz und markiert, was auf dem Spiel steht. In der weiteren Diskussion konnte man sehr real, nicht bloß theoretisch referiert, miterleben, was auf dem Spiel steht. Nämlich nicht nur die Frage wie Theologie und Kunst Forschung sind bzw. sein können/sollen, sondern auch wie sich verschiedene Disziplinen voneinander abgrenzen. So wird es mitunter nicht gerne gesehen, wenn Methoden des einen Fachbereichs in einen anderen transferiert werden. Das Aufeinandertreffen derart unterschiedlicher Paradigmen lassen aber genau solch fruchtbare Tagungen entstehen. (R.T.)

Ein zentrales Element: Re-Cycling Prometheus

Das Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ von Ludwig van Beethofen und Salvatore Vigano-, dessen Choreografie und Originallibretto seit der Uraufführung 1801 als verschollen gelten: Rose Breuss hat dieses Ballett mittels moderner Tanzakzente neu interpretiert.

Ausgangspunkt der Choreografie waren die sogenannten „Feuerstudien“, deren Interpretation auf die Spuren des antiken Mythos zurückgehen, Prometheus als Erschaffer neuer Geschöpfe und Feuerbringer.

Es wurden Studien der Bewegungen der Flammen in ein individuelles Tanzmaterial „nach der Natur“ der TänzerInnen transformiert und auch Worte zur Erklärung in die Performance mit einbezogen.

Der zeitgenössische Tanz versteht sich aus der Vielfalt heraus. Er sucht Grenzüberschreitungen zwischen den Künsten und bricht immer wieder mit vorhandenen Formen. Gerade weil dem Tanz die Sprache fehlt, eilt ihm der Ruf voraus, er sei befähigt, das Unsagbare zum Ausdruck zu bringen und durch stumme Gesten den Geist des Zuschauers zu bewegen. Wo verläuft die Grenze zwischen Sprache und Tanz? Es scheint, als existiere ein Dialog zwischen realer Körperbewegung und den gesprochenen Worten, die im Moment der Artikulation dem Rezipienten auf direktem Weg zukommen. Grenzen fließen: die TänzerInnen (Nadine Horváth, Barbara Vuzem, Solaja Rechlin, Michael Gross, Rafał  Pierzyński) tanzen, die Sprache wird Teil des Konzeptes und das Publikum wird zum Tanzpartner. Sprache und Tanz als gleichwertige, voneinander abhängige und aufeinander reagierende Fragmente eines Ganzen. Dass jede Form menschlicher Bewegung durch sogenannte Labanotationen aufgezeichnet werden kann, wird im Anschluss durch die Choreografin Rose Breuss erläutert. Durch eine Mischform von Bild und Schrift werden die einzelnen Bewegungsarten aller Künstlerinnen und Künstler in Form von Tanznotationen aufgezeichnet. Die symbolische Repräsentation bietet einen Blick hinter die Kulissen einer Tanzdarbietung. Es wird gezeigt, dass Zeichen und Symbole in diesem Fall als Orientierung, Maß, Gegenüber, Werkzeug und letztendlich Lot dienlich sein können. (B.W.)

Reflexion:

Ungeachtet der Problematik des Begriffs und der Herausforderung der künstlerischen Forschung an sich und des damit verbundenen großen Konflikt- und Diskussionspotentials, das nicht minder große Emotionen bei allen Beteiligten auslösen kann, ist der Theologie im Gegenstandsbereich der künstlerischen Forschung bislang noch kein besonderer Stellenwert eingeräumt worden – und umgekehrt: Das Forschungspotential künstlerischer Praxis spielt in den theologischen Wissenschaften nur eine sehr periphäre Rolle – zu Recht?

Es gibt vielfältige Verbindungen, nicht nur in der Vergangenheit, sondern besonders auch in der Gegenwart (auch wenn sich die These einer weitgehend säkularen Kunst hartnäckig halten mag). Sind diese Parallelen ‚Zufall Es scheint in den verschiedensten Bereichen ein Umdenken zu herrschen: Methodenvielfalt und die erkennbare Leistung der Betonung und Wertschätzung des Prozesshaften sind sowohl in den modernen Wissenschaften als auch in den vermehrt historisch geprägten ‚Artes‘ wie der Theologie, der Philosophie und der Kunst keine Fremdwörter mehr – der interdisziplinäre Diskurs scheint ein lohnender zu sein.

Im Rahmen der Tagung wurde von namhaften Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen der Theologie, der Kunstwissenschaft, der Philosophie und der Kulturtheorie versucht, genau diese Brücken aufzuzeigen und zu ‚retten’. Es wurde versucht, verschiedene einzelne Begrifflichkeiten wie Kreativität, Modellbildung, Validierung und Präsentation an ihre Grenzen zu führen, um des weiteren an diesen vermeintlichen Trennungslinien die Möglichkeiten und Chancen der künstlerischen Forschung in Bezug auf die Theologie aufzeigen zu können, ohne die Kunst und die künstlerische Praxis als bloße Hilfswissenschaft und Metaphorik zu begreifen. (B.K.)

Bernadette Kerschbaummayr, Romina Tischberger, Barbara Wetzlmair

Elisabeth Sophie, Emotionen und Forschung. Impressionen zur Tagung (Mansukript), dynamis.