„Just what is it that makes [Google] so different, so appealing?“

by Maximilian Lehner

05 Mrz „Just what is it that makes [Google] so different, so appealing?“

Was fasziniert Künstlerinnen und Künstler an der Suchmaschine Google? – das Design lasse ich plump beiseite. Vielleicht eine ästhetische Komponente in den Algorithmen, wie sie von den Pionieren der Computerkunst gesucht, verfolgt wurde? Innerhalb eines Systems, das jeder und jedem von uns solch treffende Ergebnisse liefert, scheint aber die Ästhetik vielmehr durch das Besondere hervorzutreten; durch Störungen die entweder induziert werden oder als Fehler (sogenannte Glitches) bereits im System vorhanden sind oder durch dieses hervorgerufen werden (wie der Glitch des Google Translate, „Russland“ als „Mordor“ zu übersetzen). Ein kurzer Überblick von Kunst, die Google verwendet, die meisten waren auch in der Ausstellung Infosphere im ZKM Karlsruhe zu sehen:

 

Nun, da wäre Aram Bartholl, der 2009 vor den „Augen“ der Google-Street-View-Kameras performte und damit die Proteste von Datenschützern und Medienkritikern gewissermaßen pervertiert, indem er sich bewusst sichtbar macht – und sogar Andy Warhols 15 Minuten Berühmtheit durch 15 Sekunden schlägt!

 

Jon Rafman durchsucht auf 9-eyes.com Google Street View nach – sagen wir einmal – ungewöhnlichen Sujets, bevor diese durch Google gelöscht werden, so wie nach dem Skandal um eine angeblich von dem Auto, das die Aufnahmen macht, überfahrene Kuh. Dabei wird Rafmans Bildergalerie zu einer Fundgrube an Kuriosität und Gewalt, am bekanntesten vermutlich die Bilder eines Mannes, der von einem Polizisten auf der Ladefläche seines Pickups abtransportiert wird oder auch das Alien, das neben der Straße Platz genommen hat.

Mehr noch als dieses Interesse für schräge Erscheinungen, ist der Raum, den Jon Rafman damit dem Zufall gibt, überraschend.

 

Andrew Norman Wilson, der selbst bereits für Google gearbeitet hat, entwickelte mehrere Arbeiten, die den Scan-Prozess für Google Books thematisieren: Einerseits gibt es ein Video, das die Arbeitsbedingungen der Scanarbeiter/-innen bei Google thematisiert, die gleich einer bestimmten Kaste einen anderen Ausweis tragen. Andererseits sammelte er seit 2012 Fehler, die bei den sogenannten ScanOps, den scanning operations, geschehen, in der gleichnamigen Serie. Dabei sieht man Finger der Arbeiterinnen und Arbeiter genauso wie Glitches, die durch Korrekturen des Algorithmus entstehen. Wilson sammelt dabei nur die Bilder die ihn ansprechen und entfernt das Wasserzeichen von Google, wie hier nachzulesen ist.

Courtesy of Andrew Norman Wilson

Courtesy of Andrew Norman Wilson

Einen etwas weiteren Fokus auf Fehler bei Google Books hat Krissy Wilsons The Art of Google Books seit 2011. Sie sammelt die Notizen in den gescannten Büchern genauso wie Verzerrungen, zerrissene Seiten oder Flecken.

Remotewords ist seit 2007 ein Projekt von Uta Kopp und Achim Mohné. Die beiden schreiben Nachrichten in riesigen Lettern auf die Dächer von Kulturinstitutionen, sodass diese nur über Satellitenbilder wie etwa von Google Earth lesbar sind.

remotewords

Clement Valla bringt Google mit Postcards from Google Earth (seit 2010) wieder zurück in einen handhabbaren Maßstab: Dabei sind die Abbildungen auf den Karten aber keine wirklichen Glitches, obwohl sie erst so wirken. Die Verzerrung rührt von dem Problem her, das entsteht, wenn die Oberfläche eines dreidimensionalen Körpers ins Zweidimensionale übertragen wird.

Der Überblick hat wohl hauptsächlich der Einsicht gedient, DASS Google für Künstlerinnen und Künstler attraktiv ist. Eine weitere Suchanfrage bei Google gibt mir allerdings nur Auskunft darüber, warum Google als Arbeitgeber derzeit äußerst beliebt ist. Ob man das in dieser Allgemeinheit stehen lassen kann, ist nach dem Video von Andrew Norman Wilson aber fragwürdig. Kommen wir zurück zu Fehlern gegenüber der Individualität die Google bietet: Jede findet unterschiedliche Dinge, wenn sie auf dem eigenen Rechner oder einem anderen denselben Suchbegriff verwendet, dennoch orientieren sich die Künstlerinnen und Künstler allesamt an Dingen, die allgemein zugänglich sind, die jeder auf Google finden kann – ist das vielleicht doch ein Anflug von ästhetischer Wahrheit? Diese „verlangt die Möglichkeit der anmutig zu denkenden Gegenstände […]; d. h. in einem Gegenstand dürfen, wenn man ihn an und für sich betrachten will nicht schon irgendwelche sich einander widersprechende Merkmale beobachtet werden.“ (A.G.Baumgarten, Ästhetik, Meiner: Hamburg 2009, S.409/§431; übrigens auch unter: Google Books)