Hört auf zu malen!

Tolle Ausstellungsarchitektur in Pain-ting 2.0 im mumok Wien bis 6. November 2016

12 Aug Hört auf zu malen!

Gemütlich und entspannend ist es auf den Bänken, die Kuehn-Malvezzi in die Ausstellungsarchitektur von „Painting 2.0 – Malerei im Informationszeitalter“ integriert haben; das lädt zum Verweilen ein. Es ist fraglich, ob das nicht schon zu viel über die Ausstellung verrät. Aber in ihrer Aussage und den Interaktionsmöglichkeiten gestalten sich diese Sitzgelegenheiten außerordentlich klar und funktional. Dadurch scheinen sie ideale Objekte eines Informationszeitalters, die etwa das Wissen nutzen, dass es solche Bänke mittlerweile viel zu selten in Museen gibt, dass trotzdem einige Menschen noch immer darauf beharren, länger in Museen zu verweilen und dass die Kombination dieser beiden Fakten dazu führen sollte, wieder Sitzmöglichkeiten in Museen zu stellen, um Menschen zu ermöglichen, länger vor Kunstwerken zu sitzen und ebendies zu genießen.

„Painting 2.0“ hinterfragt das anhaltende Interesse am Medium Malerei in Zeiten der Digitalisierung; das versuchen die Kuratoren allerdings historisch zu konstruieren ausgehend von den (Post-)Avantgardebewegungen der 1960er. Somit wird die ursprüngliche Frage zu einem viel weitreichenderen Projekt: einer Kunstgeschichtsschreibung des Informationszeitalters als wäre es eine bestimmte Epoche. Dass das nicht so ist, wird durch eine thematische Struktur klar, die den Überbau darstellt und die einzelnen Werkgruppen nach der Art ihres Umgangs mit Populärkultur, Massenmedien und sonstigen „Herausforderungen unserer zunehmend mediatisierten Lebenswelt“ (alle Zitate aus der Broschüre zur Ausstellung) sortiert. Es ist sehr schön, zu sehen mit wie viel Mühe die Kuratoren diese Tendenzen sortiert haben und es tatsächlich geschafft haben, diese Strömungen zu systematisieren.

Nun ist in allen Beschreibungen von unterschiedlichen visuellen Codes unserer Zeit die Rede, von Social Media, Web 2.0 und Cloud-Computing. Das wirkt fast so, als hätte diese Ausstellung es geschafft, den Analysen, die Lyotard in seinem „Postmodernen Wissen“ angestellt hat, ein theoretisches Pendant zu liefern, als wären die Bemühungen der Postavantgarden ins Zeitgenössische geschwappt und wir könnten uns in einer aufregenden, nicht enden wollenden Bilderflut suhlen. Aber wo sind die visuellen Überraschungen; oder vielleicht sogar die Überforderung, wie sie das „Informationszeitalter“ mit den über die Menschheit hereinbrechenden Massenmedien charakterisieren könnte? Wieso stellt sich lediglich das Gefühl ein, dass man fast alles schon kannte und sich doch bloß in die Sammlung des mumok verirrt hat? Wo sind die potenziell existierenden Tinder-Ölgemälde und Pokemon-Go-Radierungen, die Auseinandersetzung mit der medialen Vermittlung globaler Ungleichheit und der Stilisierung eines Starkults; allesamt Teil unserer heutigen Informiertheit? Wenn sich das Informationszeitalter in der Malerei derart stark auf Nabelschau und Markt- oder Warenästhetik fokussiert, wie es die Schau optisch suggeriert, dann müsste man beinahe schreien: „Die Information hat gesiegt! Alles folgt ihrer Logik!“ Ich weiß nicht, ob Lyotard das gefallen hätte. Zwar sind die Referenzen in der Ausstellung zu sehen, allerdings allesamt sehr zurückhaltend und verschwinden hinter der Expressivität der 60er bis 80er. Da hätte ein bisschen mehr Mut zu unbekannten Namen und die Erstellung einer „visuellen Storyline“, die sich durch die Ausstellung zieht, gut getan.

 

Ausstellungsansicht Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter, mumok, 4. Juni bis 6. November 2016, Foto: mumok/Stephan Wyckoff

Ausstellungsansicht Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter, mumok, 4. Juni bis 6. November 2016, Foto: mumok/Stephan Wyckoff

 

Mit „Heavy Burschi“ wird „Painting 2.0“ farbprächtig und schreierisch eröffnet: Ein Container voller zerstörter Arbeiten, die Martin Kippenbergers Assistent nach Vorlagen von alten Bildern, Katalogen und Einladungen gemalt hatte, Kippenberger fotografierte, druckte sie im Originalformat und zerstörte sie. Nicht nur „Original und Kopie“ oder „Geste und Spektakel“ stehen hier auf dem Spiel, sondern ein genuin neuer Umgang mit einer Fülle an Information und ein neuer Umgang mit Inspiration. Das ist eine Feststellung, die sich durch die ganze Ausstellung hindurch immer wieder treffen lässt, was wohl an den immer wiederkehrenden Rückgriffen auf Arbeiten aus den 60ern bis 80ern liegt. Es überrascht lediglich, dass diese in ihrer Form und Stringenz zwischen der Fülle an neueren Arbeiten herausstechen. Da möchte man beinahe Jörg Immendorffs „Hört auf zu malen!“ vorne auf der Broschüre sehen.

 

Jörg Immendorff: Hört auf zu malen!; von: http://www.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/studium/allgemein/studieninteressierte/praktisch/bunt_01.html

Jörg Immendorff: Hört auf zu malen!; von: http://www.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/studium/allgemein/studieninteressierte/praktisch/bunt_01.html

 

Auch wenn man näher in die Ausstellung hineinzoomt und einzelne Werke herausgreift, stellen sich tolle Überraschungen ein: Von Albert Oehlen, Michel Majerus und Laura Owens sind Arbeiten zu sehen, die je unterschiedlich auf digitale Vorprodukte zurückgreifen und damit die Visualität des Digitalen malerisch herausgreifen, wieder personalisieren und durch die Abgeschlossenheit der gemalten Werke in größtmöglicher Konzentration zu präsentieren suchen.

 

 

Darüber hinaus natürlich wunderbares Altbekanntes von Warhol über Cy Twombly, Rauschenberg, Rosemarie Trockel, Immendorff sowie Daniel Buren, Maschinenfantasien von Maria Lassnig oder sogar Sigmar Polkes Kekse.

 

 

Sadie Bennings „Play/Pause“ kombiniert auf zwei Projektionen nebeneinander Erlebnisse aus dem Alltag, mal Business, mal Sex, mal Straßenszene. Alles gemalt. Standbilder. Verbunden durch Klang. Die Arbeit fesselt mit ästhetischer Schlichtheit und dem Arrangement von Alltäglichem, das dann doch irgendwie politisch wird, von Gesellschaftlichem, zu dem man keinen Bezug hat, aber dann dennoch plötzlich genau weiß, was gemeint ist. Der Raum mit dieser Arbeit war übrigens ständig voll von Menschen.

Theoretisch kann die Einordnung der Arbeiten zumeist überzeugen, was sich auch in den informativen und kurz gehaltenen Beschreibungstexten zeigt. Lediglich optisch stehlen sich einige Arbeiten sehr viel Aufmerksamkeit, bei einigen wird nicht ersichtlich, warum sie im Kontext des Informationszeitalters von Bedeutung sind. „Painting 2.0“ ist wohl auch als theoretischer Versuch zu verstehen, die Tendenzen einer Zeit zu vereinen und in unterschiedliche Strömungen zu sortieren. Der visuelle Aspekt in der Kombination von Arbeiten könnte allerdings auch noch weiter herausgearbeitet werden. Darüber hinaus gibt es oft zwischen den unterschiedlichen Themenkomplexen Redundanzen der Künstlerinnen und Künstler, was die Einordnung nicht schlüssig macht; und den Besucherinnen und Besuchern das Verständnis dieses Versuchs ebenso wenig erleichtert. Schön wäre auch, wenn etwas offensivere zeitgenössische Arbeiten auch zu sehen wären, sodass die Ausstellung nicht so sehr den Eindruck schafft, dass sich die Zeit immer weiter hin zu einem neuen Spießertum wandelt.

 

 

Vielleicht sollte man dem ganzen zumindest noch den Hinweis auf „Art Whore“ von Ryder Ripps hinzufügen: Er wurde für eine Residency ausgewählt, die eine Nacht in einem Hotel andauerte. Voraussetzung war, dort ein Werk zu hinterlassen. Er kaufte Malmaterial um das Projektbudget und heuerte über Craigslist eine Sexarbeiterin und einen -arbeiter (diese bezahlte er aus eigener Tasche) an, die im Hotelzimmer für ihn Werke anfertigten. Oder man könnte auf die aktuelle Retrospektive von Olaf Breuning in Düsseldorf verweisen, der mit viel Witz kluge Arbeiten anfertigt, die fast ausschließlich inspiriert sind aus der verrückten Datenflut, die ihn offenbar sehr schwer trifft. Vielleicht sollte ich über die schreiben. Oder auf „Malerei 4.0“ warten, sozusagen, wenn die Malerei auch im 4.0 angekommen ist, wo Industrie und Co derzeit schon sind…