…die Kunst liegt am Boden

"In the carpet" in den ifa-Galerien Stuttgart und Berlin

01 Nov …die Kunst liegt am Boden

„Über den Teppich“ – klingt nach einer eher bescheidenen Schau zur Geschichte des Teppichknüpfens im lokalen Handwerksmuseum. Das Gegenteil ist allerdings der Fall in der aktuellen Ausstellung in der Stuttgarter ifa-Galerie, die ab Januar 2017 auch in Berlin – ebenfalls im Institut für Auslandsbeziehungen – zu sehen sein wird.

Sheila Hicks: Gebetsteppich (1972) und Gebetsteppich (1974)

Sheila Hicks: Gebetsteppich (1972) und Gebetsteppich (1974)

Ausgehend von den Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Sheila Hicks – zwei ihrer Teppiche sind in der Ausstellung zu sehen – erzählen die Kuratorinnen der Ausstellung eine Geschichte des Teppichs und der mit seiner Herstellung verbundenen Praktiken, die gleichzeitig jede Geschichtlichkeit zu vermeiden sucht. Sheila Hicks wurde in den 1970er-Jahren nach Marokko eingeladen, um dort mit Weberinnen zu arbeiten. Das führte zu einer Ausstellung der dort entstandenen Werke ohne die explizite Nennung von „Autorinnen“. Aus ebendiesem Grund ist diese Geschichte ein idealer Ausgangspunkt das schwierige Verhältnis von Handwerk und Kunst zu thematisieren – und die Frage zu stellen, wie und in welchem Kontext man diese ausstellen kann. Gleichsam von selbst, aus dieser Thematik, schaffen die drei Kuratorinnen daraus die gewollt ahistorische Perspektive von „In the carpet/Über den Teppich“, wobei der englische Titel dem deutschen überlegen scheint: Er zeigt, dass in der Ausstellung ein Eindringen in die Materie und die Praxis stattfindet und nicht „über“ ebendiese Dinge gesprochen wird.

Ausstellungsansicht, im Vordergrund ein Teppich von Yto Barrada, der 2015 in Zusammenarbeit mit Darnas Weereiworshop für Frauen entstand

Ausstellungsansicht, im Vordergrund ein Teppich von Yto Barrada, der 2015 in Zusammenarbeit mit Darnas Weereiworshop für Frauen entstand, links im Bild: Anni Albers: Schwarz Weiß Grau (1927)

Mehrere Teppiche von Bauhaus-Künstlerinnen und -künstlern zeigen den Einfluss der Muster traditioneller nordafrikanischer Teppiche auf die Malerei und Architektur dieser Zeit. Wir sehen Arbeiten von Gunta Stölzl und Rudolf Lutz. Mit Anni Albers – die später am berühmten innovativen Black Mountain College lehrte – stellt sich gar eine Verbindung zu den Pop Artists, die sie unterrichtete, ein; obgleich sie selbst in der Tradition des Bauhaus stand, wo sie ihre Ausbildung genoss.

Boucharouite der Boujad aus dem Mittleren Atlas (ca. 1990)

Boucharouite der Boujad aus dem Mittleren Atlas (ca. 1990)

In direkter Opposition und ebenso direkter Verbindung sieht man traditionelle marokkanische Webarbeiten mit Mustern, die bis heute noch in gleicher Weise produziert werden. Gleichzeitig sieht man auch Teppiche, die aus dem Umfeld der Schule von Casablanca stammen – wo ausgehend von einer Weberei-Klasse an der dortigen Kunsthochschule ein breiter Diskurs über die oben angesprochenen Fragen vom Verhältnis von Handwerk und Kunst entstand. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Arbeit von Mostafa Maftah, der sich vom Ornament abwendet und seinen Teppich auch plastisch in den Raum treten lässt. Interessanterweise entwickelte sich aber auch bei den traditionellen Formen eine Art „Lumpenteppich“, der nicht ornamental arbeitet, der Boucharouite.

Mostafa Maftah: Feuer im Ozean (1979)

Mostafa Maftah: Feuer im Ozean (1979)

Die Wichtigkeit von Teppichen in der zeitgenössischen Kunst zeigt eine Arbeit von Saadane Afif, der eine Performance mit Geometrieunterricht auf dem Platz Jemaa el Fna, wo ansonsten unterschiedliche Straßenkünstler/-innen und Schausteller/-innen sich präsentieren. Eine der Zeichnungen dieser „Geometriestunde“ ließ Afif bei einem Meister traditioneller Teppichweberei produzieren.

Saâdane Afif: Die Geometriestunde: Das Motiv (C3_p002) / Prototyp (2015)

Saâdane Afif: Die Geometriestunde: Das Motiv (C3_p002) / Prototyp (2015)

Mein persönliches Lieblingsstück und eine Wiederentdeckung war, trotz der anderen wundervollen Arbeiten, eine Installation, die mich bereits bei der Biennale di Venezia 2009 fesselte: ein Teppich aus Bleistiftspänen, die beim sorgfältigen Spitzen durch den Künstler Taysir Batniji entstanden.

Taysir Batniji: Hannoun (1972-2009)

Taysir Batniji: Hannoun (1972-2009)

 

„In the carpet“ ist bis zum 18.12.2016 in Stuttgart zu sehen und vom 20.01. – 12.03.2017 in der ifa-Galerie Berlin. Zur Ausstellung erschien ein informativer Katalog sowie ein Statement der Kuratorinnen auf Schloss-Post.