Die Kunst der großen Geste

08 Aug Die Kunst der großen Geste

Ausstellungsrezeption translocation – transformation im 21er Haus

Beim Betreten der aktuellen Ai Wei Wei Ausstellung translocation – transformation im 21er Haus in Wien schlägt einem ein angenehm-subtiler Geruch entgegen. Meine erste Vermutung war, dass die über 400 Jahre alte Ahnenhalle einer chinesischen Teehändlerfamilie auch heute noch den Duft dieser vergangenen Zeit verströmt. Das alte Holz, dem man die Verfallsspuren schon ansieht, wirkt als wäre es geeignet in seinen Poren und Rissen Düfte aus dem alten China in die großartige Pavillion-Architektur des 21er Hauses zu transportieren. Erst nach einigen weiteren Schritten in Richtung der großen Fensterfront, die sich in den Park des Belvedere öffnet und den hohen Raum mit Licht flutet, erkenne ich zu meiner Linken die eigentliche Quelle des Duftes: auf einer rechteckigen Fläche hat der Künstler den Boden mit einer ca. 5 cm hohen Schicht aus Pu’er Tee ausgelegt, im oberen Drittel formt der gepresste Tee „Teehäuser“. Parallel zur Fensterfront befindet sich abermals eine rechteckige Fläche, diesmal bestehend aus tausenden abgebrochenen Schnäbeln von Teekannen.

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Das Zentrum des Ausstellungsraumes bildet eindeutig die imposante Wang Family Ancestral Hall aus der Ming-Zeit. Sie besteht aus 1400 Einzelteilen und wird hier zum ersten Mal außerhalb Chinas gezeigt. Einst stand sie als Ahnenhalle der Familie Wang in der Provinz Jiangxi. Die Familie wurde während der Chinesischen Kulturrevolution vertrieben. Seitdem verfiel die Architektur, bis Ai Wei Wei sie einem Investor abkaufte. Die Geschichte der Halle weißt Parallelen zur Architektur des 21er Hauses auf, die genauso einige Jahre dem Verfall preisgegeben wurde und erinnert, wie die beiden anderen Werke in dem Raum, an die Herkunft und Biografie des Künstlers.

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Für mich drängen sich Fragen nach Denkmalschutz und dessen Vereinbarkeit mit dem aufwendigen Transport des Kulturschatzes nach Wien auf. Und genau das sind die Themen der
Ausstellung translocation – transformation. Die Stücke werfen Fragen nach kultureller Ver- und Entwurzlung und Veränderungsprozessen, durch Ortswechsel, Vertreibung und Migration auf. Sehr häufig wird in diesem Zusammenhang Ai Wei Weis persönliche Geschichte von erzwungener und freiwilliger Migration erzählt. Mir erscheint dies jedoch überflüssig. Das Ensemble in diesem Raum entwickelt eigene Kraft und wirkt, auch ohne durch die persönliche Biografie des Künstlers angereichert zu werden. Die kleinen Kärtchen mit einem Foto von Ai Wei Wei himself lassen den Besucher das Master-Mind hinter den Ready-Mades sowieso nicht vergessen.

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Das medial aufsehenerregendste Werk der Ausstellung, die sicherlich zum Kassenschlager des Jahres zählt, ist F Lotus. Die Installation besteht aus 1.005 gebrauchten Schwimmwesten, die gemeinsam den Buchstaben f im Wasser des barocken Bassins vorm 21er Haus formen. Das ästhetisch unverfängliche bzw. ansprechende Werk, lädt die Besucher förmlich dazu ein, ein
Selfie davor zu machen. Beim Veröffentlichen auf den diversen sozialen Medien, kann dann der extra für die Ausstellung generierte Hashtag (#aiww21) verwendet werden. Umsäumt wird diese Arbeit von Circle of Animals/Zodiac Heads mit Bronzeköpfen der zwölf Tiere aus dem chinesischen Horoskop.

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Wie auch Anna Kathrin Fessler am 13. Juli in einem Bericht über die Ausstellung im Standard bemerkt, ist die Intention des Kunstwerks F Lotus hinterfragenswert. Anders, als bei der Anordnung von 9000 Rucksäcken, die er 2009 an der Fassade des Münchner Hauses der Kunst anbrachte, bedarf es bezüglich dem Thema „Flüchtlingskriese“ keines solchen Sichtbarmachens. Der Tod der Schulkinder in Sichuan, verursacht durch ein baufälliges Schulgebäude, war im Begriff von der chinesischen Regierung vertuscht zu werden, bis Ai Wei Wei durch seine Kunstaktion internationale Aufmerksamkeit auf das Drama lenkte. Über die Situation der Flüchtenden wissen die Menschen bescheid, und doch sind die Fronten verhärtet. Ohne progressive Lösungsvorschläge und ein Weiterdenken, über die schrecklichen Tatsachen hinaus, bekommt der politische Aktivismus Ai Wei Weis im Kunst Kontext den Anschein einer leeren Pose. Was legitim wirken würde, wenn es z.B. eine Hilfsorganisation getätigt hätte, wirkt in der Kunst schnell als Plattitüde, die die nötige Subtilität vermissen lässt.