Das Deutsche Reich war keine wirkliche Kolonialmacht ! / ?

22 Mai Das Deutsche Reich war keine wirkliche Kolonialmacht ! / ?

Während einer Routine Internetdurchsuchung bezüglich Kunstausstellungen in Österreich und Deutschland, die sich mit einem Postkolonialismus beschäftigen und sich mit der Frage nach Dekolonisierung von Institutionen auseinandersetzen, stieß ich zufällig auf die Homepage www.kolonialismusimkasten.de. Diese HP wird von 5 Historikerinnen betrieben, die sich in ihrer Arbeit gerne auf kuratorische Konzepte in Ausstellungen beziehen und diese auf Aspekte der deutschen Kolonialgeschichte und zu Migrations- und Rassismusgeschichte. Hin überprüfen. In diesem Fall beziehen sie sich auf die Dauerausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin, zu der sie einen kostenlosen Audioguide erstellten. Ihre Intention ist es, damit einige geschichtliche Defizite hinsichtlich der deutschen Kolonialgeschichte der Ausstellung aufzuzeigen. Parallel zu diesem Internetfund wusste ich aber, dass es im DHM gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ gibt. Verwirrt von dieser Diskrepanz war ich sofort an der HP interessiert, las die Texte und lud mir den Audioguide herunter. Der nächste meiner Schritte war es meine Reise nach Berlin zu planen (erstmals habe ich das Angebot des Flixbus genutzt und kann dieses nur allen empfehlen. 30 Euro von Linz nach Berlin und obendrein habe ich wunderbar geschlafen) um mir die Ausstellung anzusehen. Obwohl ich für gewöhnlich Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst bevorzuge, war ich von der Sonderausstellung beeindruckt. Die Ausstellung, chronologisch aufgebaut, ist in mehrere Bereiche gegliedert und macht den Rezipient_innen die starke koloniale Vergangenheit in Deutschland mit verschiedenem Anschauungsmaterial bewusst. Dabei wurden sowohl Überblicke und Hard Facts geboten, wie auch eine detailreiche Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte in Deutschland und ausgehend von Deutschland zwischen 1884 und 1918. Auch das Thema der Postcolonial Studies fand, wenngleich nicht explizit thematisiert, mehrmals ihren Platz in der Ausstellung in dem die Problematik von Straßennamen wir z.B. M*Straße aufgezeigt wurde. Ich persönlich war enttäuscht über den kleinen Bereich den die Auseinandersetzung von zeitgenössischen Künstler_innen und Aktionen mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands einnahm, doch darf nicht vergessen, werden, dass die Intention der Ausstellung eine historische Information des kolonialen Einflusses Deutschlands war, was die Kurator_innen mit großer Detailgenauigkeit auf kleinem Raum erreichten. Warum also die Kritik der Bewegung Kolonialismus-im-Kasten? Nun, diese Kritik wurde 2013 geäußert und betrifft (die Vergangenheitsform wäre ein Fehler, denn an der Dauerausstellung wurden zwar seitdem einige Änderungen vorgenommen, diese kommen allerdings keiner kolonialgeschichtlichen Aufarbeitung sondern einer kolonialgeschichtlichen Verschwiegenheit/Verdrängung zu Gute indem einige Objekte, an deren nicht-kolonialgeschichtlicher Aufbereitung Kritik geäußert wurde, einfach verschwanden) die Dauerausstellung des Museums. Auf einer großen Ausstellungsfläche werden die Besucher_innen mit Hilfe von Kleidung, Bildern und verschiedenen Wandtexten in 1500 Jahre Vergangenheit von Deutschland eingeführt. Sind in der Karte des Deutschen Reiches zwischen 1871 und 1918 aber Kamerun und Togo, sowie Deutsch-Südwestafrika markiert? Nein! Es findet sich auch nirgendwo eine Erwähnung der Berliner Afrika Konferenz 1884/85. Genau auf diese Defizite macht der Audioguide, der im Museum natürlich nicht erhältlich ist, aufmerksam. Die vermeintliche Antwort des Museums (in einem Interview mit der TAZ [http://www.taz.de/!510044] wird eine Verbindung zwischen dem Vorhaben der Sonderausstellung und dem kritischen Audioguide verneint) darauf ist die zeitliche begrenzte Sonderausstellung im unteren Trakt. Aber ist das genug?

Für alle die jetzt neugierig geworden sind, möchte ich meine Eindrücke in der Dauerausstellung sowie die Sonderausstellung an sich im Folgenden näher erörtern:

Rundgang im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM), eine Ausstellungsrezension

Es war ziemlich einfach zum DHM zu finden, denn das Museum befindet sich gegenüber der Museumsinsel. Wie überall in Berlin musste ich mir jedoch den Weg zum Eingang zunächst freikämpfen, da die vielen Baustellen diesen unscheinbar machen. Die Ausstellung „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ wirkt zunächst sehr klein, räumlich ist sie das auch, verlangt den Besucher_innen aber selbst bei nur kurzer Verweildauer sicher mehr als eine Stunde ab. Bei mir waren es etwa 4 Stunden. Die Ausstellung ist sehr gut aufgestellt, denn sie umfasst verschiedene Anschauungsobjekte wie Landkarten, geographische Gebietsmarkierungen, Tonaufzeichnungen von Kriegsgefangenen, Soldatenuniformen, Büchern, Propagandaplakaten, Installationen und einem zeitgenössischen Kunstwerk in Form einer Fotografie. Zudem wird so manchem Ausstellungskonzept entgegengetreten das von Besucher_innen den Vorwurf erhält „einen im Stich zu lassen wegen so wenig Information“. Hier ist eher das Gegenteil der Fall: wo ich mich auch hindrehe um die Ausstellungsstücke auf mich wirken zu lassen oder einfach nur um den vielen Besucher_innen auszuweichen, sehe ich mich mit einer weiteren Vitrine oder einem neuen Wandtext konfrontiert. Selbst die stützenden Raumsäulen blieben nicht ungenutzt. Aufbereitet ist die Ausstellung nicht für Kinder, aber es gibt Texte in Deutsch, Englisch, Blindenschrift, leichter Sprache sowie einen Audioguide und ein kostenloses Whatsapp Angebot (das aber erst nach 30 Minuten am Handy funktioniert hat; die nette Dame von der Besucher_innenbetreuung konnte mir nicht dabei helfen, da sie gar nicht wusste, dass eine Whatsapp Funktion als Vermittlungsangebot erstellt wurde). Obwohl die bewusst neutrale Sprache von Wandtexten und Audioguide auffallend war, so wird schon beim ersten Text thematisiert, dass sich das Ausstellungskonzept im Spannungsfeld des Eurozentrismus bewegt (ob ein bloßer Hinweis ausreichend ist, ist eine andre Frage). Der oben erwähnte Audioguide von Kolonalismus-im-Kasten orientiert sich an der Gliederung der Ausstellungstexte in der Dauerausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“. Beispielsweise gibt es den Punkt „das Bismarckreich“ von 1871-1890. Obwohl bereits zu dieser Zeit der Erwerb von Kolonien im Bismarckreich gefordert wurde, gibt es dazu keinerlei Erwähnung. Auch beim Abschnitt „Parlamentarismus im Kaiserreich“ würde man einen Hinweis darauf erwarten, dass nicht nur Menschen unter 21 das Wahlrecht verwehrt war, sondern auch allen Frauen sowie Menschen mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft, zu denen auch die 12 Millionen Bewohner_innen der deutschen Kolonien gehörten. Diese Information ist aber offenbar nicht wichtig genug, um sie den Besucher_innen zugänglich zu machen. Zudem wird im Audioguide allgemein die heroische Darstellungsweise angekreidet. In der Sonderausstellung wird insofern darauf geantwortet, als das Deutsche Reich als eine der führenden Kolonialmächte beschrieben wird, der Widerspruch zwischen der Sammlung versus den abwesenden Perspektiven der Kolonisierten angesprochen und von einer aktiven, zum Teil grausamen Kolonialpolitik Deutschlands geschrieben wird. Obwohl eine Ausstellung in dieser Größenordnung bzw. ohnehin jede Ausstellung Schwerpunkte setzen und manche Aspekte auslassen muss, ist die Kolonialgeschichte sehr intensiv für die Besucher_innen aufbereitet und vergisst auch nicht darauf hinzuweisen, dass immer noch eindeutige Spuren kolonialer Vergangenheit in Deutschland und auch anderen Ländern zu finden sind, was den Begriff der „Vergangenheit“ in Frage stellt. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass es eindeutig noch an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung fehlt, da es sich zwar um eine geschichtliche Darstellung handelte, nicht aber um eine negativ-kritische Auseinandersetzung.

Ich möchte nun explizit spezielle Objekte herausgreifen, die ich besonders spannend fand.

Konkrete Einblicke in die Ausstellung „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ von 14.10.2016-14.05.2017

Fast wie eine Installation wirkt die interaktive Präsentation von strittigen Straßenschildern, die es immer noch in Berlin gibt (Mohrenstraße, Petersallee…). Dreht man die Schilder um, so führt ein kurzer Text in die Problematik ein. Daneben finden sich neue Straßenschilder, mit Vorschlägen für eine Umbenennung, die sich auf den „Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER)“ beziehen.

Besonders hervorheben möchte ich die Art der Präsentation des zerstörten Denkmals für Herrmann von Wissmann. Zunächst in Tansania und später dann in Hamburg sollte das Denkmal den Gouverneur von Deutsch-Ostafrika ehren. Erst 1961 kam es in Hamburg von Studierenden zu Protesten, die das heroische Denkmal mit Graffiti beschädigten und den Abriss forderten. In der Ausstellung werden die Bruchteile liegend dargestellt, vom Graffiti ungesäubert, um die Protestaktion zu unterstützen. Leider muss der kurze Text zu diesem Objekt regelrecht gesucht werden und wird erst durch den Audioguide detailliert beleuchtet.

Die Fotografien des Künstlers Philip Kojo Metz, einem deutsch-ghanischen Konzeptkünstler, zeigen deutsche Sammler_innen, Besitzer_innen und Erb_innen von Objekten aus der Kolonialzeit. Sie posieren für die Kamera mit stolz erhobenem Haupt, was der Arbeit etwas Surreales verleiht und mit Ironie die Ernsthaftigkeit des Themas näherbringt.

Dann gab es noch ein für mich erschreckendes Objekt, eine Landkarte in deutschen Schulen während des Nationalsozialismus. Natürlich hat man vielleicht einmal gehört, dass es die koloniale Frauenschule zur Erhaltung des Deutschtums gab (wobei ich mich nicht erinnern kann im Geschichtsunterricht in der Schule etwas über die deutsche Kolonialgeschichte gelernt zu haben) und wir kennen auch alle die Werbeplakate für die Menschenzoos (auch in Wien), wo Kolonisierte als exotisch, primitiv und andersartig in ihrer „natürlichen“ Lebensumgebung zur Schau gestellt wurden. Neu war mir allerdings, dass es im Nationalsozialismus ein kolonialpolitisches Amt der NSDAP gab, das bereits vorsorglich für die Verwaltung nach erneuter Besetzung der ehemaligen deutschen Kolonien zuständig war. Verdeutlicht wird der Gedanke an die Rückgewinnung der ehemaligen deutschen Kolonien auf einer Schulwandkarte (!), auf der die ehemaligen deutschen Kolonien markiert sind.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf ein Open Call Projekt von 2016 hinweisen. Es befindet sich direkt beim Ausgang der Ausstellung und wird in Form eines kurzen Textes und eines Videos präsentiert. Bei diesem Video wird dazu aufgerufen selbst ein Video zu posten wo man Objekte präsentiert, die einen spezifischen Bezug zur Kolonialzeit haben. Dieses Projekt macht uns darauf aufmerksam im Alltag nach kolonialistischen Spuren zu suchen. Schade war nur, dass es in der Ausstellung keine Möglichkeit gab z.B. mittels QR Code oder auch Whatsapp näheres zu dem Projekt zu erfahren oder auf eine Homepage verwiesen zu werden.