Crossing Europe

10 Mai Crossing Europe

In Linz ging dieser Tage das 14. Crossing Europe Filmfestival über die Kinoleinwände. Obzwar Film in diesem Blog bisher kein großes Thema war, möchte ich gemeinsam mit unseren Leser*innen einen Blick auf die diesjährige Ausgabe werfen, die auch heuer wieder heimische und internationale Filmschaffende und -interessierte nach Linz lockte.

Das zweitgrößete österreichische Filmfestival konnte einen weiteren Besucherrekord verzeichnen — 23.000 BesucherInnen in 6 Tagen — was neben der Auswahl und Präsentation von 160 Spiel- und Dokumentarfilmen aus 43 verschiedenen Ländern sicherlich auch der angenehmen Atmosphäre und der guten Organisation zu verdanken ist. Heuer gab es 13 sogenannte Sektionen, die die präsentierten Filme nach Themen, Regisseur*innen, Genre oder Spielzeit gliederten. Diese Sektionen tragen so spannende Titel wie Arbeitswelten / Working Worlds, European Panorama Fiction oder Nachtsicht. In Architektur und Gesellschaft / Architecture and Society wurde in diesem Jahr unter dem Titel GENDER & SPACE das Verhältnis von Geschlechterrollen und Raum beleuchtet. Die Sektion Spotlight, die immer jeweils einer*m Filmemacher*in gewidmet ist, präsentierte das filmische Schaffen der türkischen Autorenfilmerin Yeşim Ustaoğlu. Ihre Filme kreisen in sorgfältig arrangierten Bilden um Fragen von Heimat, Identität, und Leben. In Local Artists Music Videos haben oberösterreichische Filmer*innen die Möglichkeit Musikvideos vor großen Publikum zu zeigen und Cinema Next Europe will speziell jungen Filmschaffenden eine Bühne bieten. Diese ersten Einblicke verraten bereits einiges über die Ausrichtung und das Selbstverständis dieser Veranstaltung, die immer auch eine explizit politische sein will. (Selbst wenn das Politische oft im scheinbar Privatem zu Tage tritt.) Das Crossing Europe will Grenzen überwinden in einer Zeit, in der der Ruf nach Grenzen und Sicherheit die meisten Wähler*innenstimmen bringt. Die ausgewählten Filme bieten statt Sicherheit Unsicherheit und Kompexität, statt einfacher Lösungen Widersprüche und die Möglichkeit, den Blick auf bisher Ungesehenes zu richten und dort zu verweilen. Nicht alles ist leicht konsumierbar, so zB. The War Show, der uns mitten in das Leben junger Aktivist*innen in Damaskus um 2011 entführt und uns die vergangenen Jahre in Syrien auf eine Weise näher zu bringen vermag, wie es kein Zeitungsartikel könnte. Auch in A Hole in the Head wird eine andere Art von Geschichtsschreibung und deren Vermittlung durch das Medium Film ausprobiert: Die grausamen Morde an den Roma und Sinti im zweiten Weltkrieg und die darauf folgenden Jahre des Schweigens wird den Zuseher*innen mithilfe von inszenierten Szenen von großer Authentizität mit Zeitzeug*innen nähergebracht. Sicherlich nicht die Geschichte der Gewinner, der Herrschenden. Beim anschließenden Q&A und beim Warten auf den nächsten Film hat man die Chance das Gesehene zu diskutieren, Eindrücke mitzuteilen und meist auch mit den Filmemacher*innen oder Produzent*innen selbst zu sprechen.

Neben lokalen Grenzen werden aber auch Genregrenzen überwunden, der immer wichtiger werdenden Form des visuellen Musikvideos wird hier ein Platz zwischen Langspielfilmen und Dokumentationen eingeräumt, was deren Rolle als ernstgenommene künstlerische Produktionen insbesondere bei jüngeren Menschen wiederspiegelt. Sprache und Barrierefreiheit waren in Seeing Voices von Dariusz Kowalski das Hauptaugenmerk, als er die Gehörlosencommunity in Wien portraitierte. Der Film gewährt Einblicke in das Leben jeder Menschen, die mit der Gebärdensprache kommunizieren und ihren Alltag bestreiten, ständig mit Unwissen und systemischer Diskriminierung konfrontiert.

Ein ganzer Tag im Kino endet in der in der Regel mit einem Film der Sektion Nachtsicht, wie zB. The Misandrists von Bruce LaBruce, einem aus der Punk-Szene kommenden queeren Filmemacher. Technisch präzise und mit jeder Menge Sinnlichkeit und Humor werden in absurden Arrangements — in diesem Fall den Verwicklungen nach dem Auftauchen eines verwundeten Soldaten in der feministisch-essentialistischen Untergrundkampforganisation FLA (Female Liberation Armee) — Fragen von linker Politik, Geschlecht und Transsexualität verhandelt. Bei den jeden Tag stattfindenden Nighlines treffen dann übermüdete Cineast*innen auf junge Linzer*innen in Feierlaune bei einem musikalisch vielfältigen Line-Up am OK-Mediendeck.

Es gäbe noch viel zu sagen über dieses wichtige Festival, die Filme und deren Themen. Ich belasse es bei diesen Impressionen, der Aufforderung, den eigenen Horizont am Crossing Europe Filmfestival zu erweitern und dem Plädoyer für offene und noch viel offenere Grenzen.