CROSS YOUR HEART

credits : sas

07 Mai CROSS YOUR HEART

…and hope to live.

15 Jahre Crossing Europe Film Festival Linz

Diese eine Woche im April, in der Linz sich in eine andere Stadt verwandelt, in der sich die Decke hebt und jede Nacht getanzt wird. Das Crossing – wie Locals es nennen – ist immer a much needed Highlight in der kleinen Industriestadt, die ihre Nachtlokale in den letzten Jahren systematisch durch Postkarten –  und Schokoladegeschäfte ersetzt hat, und zeitgleich den County fair Wahnsinn des Urfahrmarktes aushält.

Soldiers: A story from Ferentari, einer der diesjährigen Eröffnungsfilme, umkreist eine doppelt prekäre Beziehung: der eine ist ins Roma-Viertel gezogen um seine Doktorarbeit zu beenden und verliebt sich in den Bodyguard des örtlichen Mob – Chefs. Das Homosexualität sowohl in der rumänischen Öffentlichkeit als auch in der Roma-Gemeinde, die wiederum selbst unter langanhaltender struktureller Diskriminierung zu leiden hat, schwer leb bar ist, wird auch durch die negativen Reaktionen die der Film in seiner Heimat erntete sichtbar. Ivana Mladenovic widmet sich  dieser zum Scheitern verurteilten Beziehung mit viel Fürsorge und wenig Beschönigung, macht die ständig lauernde Gefahr genauso spürbar wie die Zuneigung der beiden Männer zueinander. Dabei sind die zwei Schauspieler so gelassen und unbefangen, dass man vergisst, dass es sich hierbei um keine Doku handelt. Das Alberto, dieser toughe, dicke, vernarbte Type unverhofft zärtlich um den Türstock blinzelt wirkt genauso real wie die der Beziehung inhärente ökonomische Dimension, die Schwere alltäglicher Entscheidungen zwischen verstoßen werden und sich geliebt fühlen wollen.

Respekt gebührt auch Silvia Bellotti, die mit Open to the Public einen Blick in ein neapolitanisches Amtshaus wirft, und dafür zwei Jahre lang in selbigem drehte, bis sich Beamte und Wohnungssuchende an sie gewöhnt hatten und dabei der Geschichte der Sozialbauten Italiens nachstöbert. Eingeklemmt zwischen Aktenstapeln und oft berührt und verzweifelt angesichts der Geschichten die ihnen begegnen, gehen erstere fluchend und scherzend ihrer Arbeit nach und zuweilen auch in ihr auf. Dass sich weder die lakonische Ablage von Papieren geschweige denn das  persönliche Engagement das sich an diesem Ort versammelt je in digitalisierte Formen transportieren ließe scheint undenkbar.

Mein persönlicher Liebling wie stets der Wohnzimmer Flair des KAPU Kinos, in dem man auf Bierkisten steigt um in die oberen Ränge zu kommen, diesmal zu Brexitannia, einer feinen Doku die vor allem in der ersten Hälfte überzeugt. Das Konzept so bestechend wie einfach: Briten in ihrem angestammten Habitat werden in schwarz-weißer Frontalaufnahme zum Brexit befragt, oder besser noch: man lässt sie reden, ohne Kommentar, ohne Urteil. Dabei werden Logik und Schlüsse verschiedenster Schichten und Minderheiten sichtbar und – in manchen Fällen erstaunlich – plausibel.  Ängste und Sorgen falten sich auf, Streit bricht aus. Über Rassismen und Identitätspolitik, wer sich vernachlässigt fühlt, wer sich wie die Welt erklärt. Ob man die Queen liebt oder sich nichts aus Rugby macht: exit your bubble now.

Um eine literarisch ambitionierte aber missverstandene Mutter und Hausfrau dreht sich  Scary Mother: Manana liest endlich ihr Buch vor, ein obszön-pornografisches, angebliches Meisterwerk, das bei ihrer gebildeten aber spießigen Familien für heftige Abwehrreaktionen sorgt, sodass sie schließlich in den benachbarten Copy Shop zieht. Schön dort wo wenig gesprochen wird, in der Zone der zu weit fortgeschrittenen Missverständnisse, die gewalttätigen Versuche Wogen zu glätten die längst über die Autorin hinweggeschwemmt sind, sie mit sich tragen, aus ihr strömen. In Mananas Visionen von sich als blutdurstiges Monster wird eine tiefe Sehnsucht offenbar, die sie schließlich transformieren und dafür sorgen das alles was ihr unterkommt das gefräßige Buch nährt.

Ebenfalls gefräßig das musikalische Genie Chilly Gonzales, auch Gonzo genannt, der in  Shut up and play the piano einmal mehr sein Unwesen treiben darf. Dabei kommen Weggefährtinnen wie die wunderbare Leslie Feist und Electroclash-Ikone Peaches zu Wort, sowie Sybille Berg die  streckenweise das Interview führt. Leider verliert der Film mittig ein wenig an Geschwindigkeit und Witz, mit denen er eröffnet und alle üblichen Biopic-Klischees durch den Kakao gezogen hatte. Gonzales – der mit bürgerlichem Namen Jason Beck heißt – überzeugt dafür mit unsterblicher Entertainer-persona die im Angesicht der eigenen Endlichkeit einfach auf andere Körper übertragen wird. Frei nach dem Vers: authenticity can be shitty.

Damit kämpft auch das Team Hurricane in Annika Bergs gleichnamigem Film, der einer nonkonformistischen Mädchengruppe bei ihren rites of passage folgt. Narben vom zu schnellen oder zu langsamen Wachsen, ritualistisches Verbrennen von Kuscheltieren und Baden in buntem Jelly ergeben ein vor allem farblich ausgeklügeltes Coming of Age Drama, ohne festen Handlungsrahmen. Mit viel Liebe zum Detail und den Neunzigern, Split Screens und Emoticons inszeniert Berg ihre durchaus überzeugenden Jungdarstellerinnen, wie sie Haarfarben und Outfits wechseln, einsam sind, gemeinsam sind und vor allem: sich an Tabuzonen heranwagen und einander  den Rücken stärken.

Bertrand Mandicos The Wild Boys schließlich verursacht die erhobenste Stimmung, auch wenn er die ihm vorauseilenden  Warnungen allesamt in den Wind schlägt. Was nach einem düsteren sado-maso Seeabenteuer klingt, oder als explizit pornografisch angekündigt wird,  entpuppt sich zu einem tropischen Inselrausch komplett mit ejakulierender Flora und Zauberfrüchten, die Wild Boys in Wild Girls verwandeln. Nachdem die an Clockwork Orange erinnernde Jungsbande dem hermaphroditen Kapitän zur Disziplinierung anvertraut wurde stolpert sie von einem erotisch-lukullischen Wunder ins Nächste und beschließt gar nicht mehr zurückzukehren ins schwarz-weiß des zwanzigsten Jahrhunderts. Stadtdessen gibt es Federfrottage am Sandstrand bis Glanz und Glitter vom Himmel regnen. Dabei verwandeln sich die gleißend ausgeleuchteten Bilder immer mehr in eine Art handkoloriertes Universum mit einem Soundtrack der einen entführt. Tatsächlich die schönste Halluzination.

Die Nightline ist Geschmackssache, weil divers. Dieses Jahr fällt vor allem die übertriebene Präsenz von Security Personal auf.  Viel cooler Rap ist dabei, mit Silvana Imam und der verlässlichen Lokalgröße Selbstlaut. Leider bin ich meist zu müde von all den Filmen um noch groß Party zu machen.  Die engagierte Abschlusspartie FEMME DMC zunächst leider ein bisserl dissonant, bis Dj Countessa souverän den Laden übernimmt und uns dann mit überzeugend hysterischer Unterstützung von Def Ill (excuse the pun) bis in die Morgenstunden einheizt.

Fazit: Do it again, Linz.