Biennale Venedig 2015 von Barbara Wetzlmair

08 Jun Biennale Venedig 2015 von Barbara Wetzlmair

Heimo Zobernig oder wie man mit weißen Schuhen einen Pavillon begeht und mithilfe von Kant das Erhabene erfährt

 

Die Biennale von Venedig zählt zu den wichtigsten Kunstausstellungen und feiert sein 120-jähriges Bestehen im Sommer 2015. Wir sind dabei. Soeben sind wir also in den venezianischen Giardini und spazieren ganz nach hinten. Zum österreichischen Pavillon.

Noch ein Abstecher? Gut, wir einigen uns auf den belgischen Pavillon. Aber nur kurz und aus einem bestimmten Grund: ich trage meine weißen Alexander McQueen Creepers. Nein. Ich will nicht angeben. Aber sie waren eben ein Geschenk und sind zudem sehr bequem.

Beim Eingang zu den Giardini hörte ich jemand sagen: „Du, die mit den weißen Schuhen, das ist bestimmt eine Kuratorin. Heutzutage sind die schon verrückter angezogen als wir Künstler. Ein grüner und ein blauer Schuh vielleicht auch noch? Aber wohin bloß mit diesen vielen Kuratoren, was sollen wir mit denen?“

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Jetzt erst recht. Zu Fleiss. Wie wir in Oberösterreich zu sagen pflegen. Denn Vincent Meessen und Katerina Gregos zeigen, was Kuratieren heute kann: eine kleine Verdichtung und Verflechtung unterschiedlichster Blicke auf die Geschichte von Situationismus und Kolonialismus in Kongo und Europa, Gemeinschaftswerk aus vielen Künstlerhänden, ohne Zentrum, einfach guter Code könnte man sagen. Belgien wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Der belgische Pavillon nimmt seinen Ausgangspunkt aus einer beunruhigenden Kolonialgeschichte. Besonders sticht Elisabetta Benassi´s Arbeit ‚M’FUMU‘ (2015) ins Auge, dessen Titel sie aus dem Namen eines kongolesischen Aktivisten übernimmt, bestehend aus einer belgischen Straßenbahnhaltestelle aus Abgüssen von Knochen exotischer afrikanischer Tiere. Eine Gruppenausstellung von poetischer als auch politischer Art mit dem Namen “ Personne et les autres“.

Es geht weiter. Die Pressekonferenz haben wir noch nicht verpasst.

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Kommissar Yilmaz Dziewior wählte für den österreichischen Pavillon 2015  Heimo Zobernig. Ein Künstler, der nicht nur Einfluss auf die Kunstszene in seinem Land wie kaum ein anderer hat, sondern auch zu den erfolgreichsten Positionen im internationalen Kunstdiskurs zählt. Seine Ausstellungsaktivitäten reichen von wiederholten Teilnahme an Großveranstaltungen wie der Biennale in Venedig (1988 & 2001), documenta in Kassel (1992 & 1997) und Skulptur Projekte Münster (1997), umfangreiche Einzelausstellungen in renommierten Institutionen wie der Palacio de Velázquez / Museo Reina Sofía in Madrid (2012), Kunsthaus Graz (2013), Mudam Luxemburg und die Kestnergesellschaft in Hannover (beide 2014).

Heimo Zobernig Werk zeichnet sich durch seine hohe Genauigkeit in Bezug auf Form und Inhalt aus. Sein Spektrum reicht von Zeichnung und Malerei über Installation und Skulptur, Video-und Raumeinstellungen.

Für den österreichischen Pavillon, der auf einem Raumkonzept von Robert Kramreiter basiert und 1934 von Josef Hoffmann erbaut wurde, werden von Zobernig sowohl räumliche Intervention und eigenständiges Kunstwerk  in einer Kombination als gleichberechtigte, wechselseitig kommendes Element gezeigt. Die Situation der Biennale selbst ist Ausgangspunkt zu Heimo Zobernigs Überlegungen. Sein Anliegen ist es, der Architektur zu einer gesteigerten Wahrnehmung zu verhelfen.  Er hat einen schönen, harmonischen Raum geschaffen. Oder auch: eine gute Skulptur, Architektur als Ganzes betrachtet. Chapeau, Herr Zobernig, es ist Ihnen gelungen: unser Gemüt wird bewegt. Vielleicht gerade durch den interdisziplinären Ansatz? Der White Cube mit den eingezogenen schwarzen Linoleumplatten als weitere Ebenen weckt zunächst Erstaunen. Es erschüttert uns, zieht uns an, stößt uns ab. Der Blick in den Garten fordert den Rezipienten dazu heraus, sich wie auf einer Bühne zu fühlen. Mit bewunderndem Blick auf Oleander und Judasbaum.

Schon für Immanuel Kant ist das Erhabene der zentrale Punkt ästhetischer Erfahrung. Kants Ansichten über Ästhetik und Zweckmäßigkeit findet sich  in seiner „Kritik der Urteilskraft“, die im Jahr 1790 veröffentlicht wird.  Im ersten Teil, der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft“, beschreibt Kant die ästhetische Erfahrung und Urteilsvermögen, insbesondere des Schönen und Erhabenen, und auch das künstlerische Schaffen. Das Erhabene sprengt die schöne Form und übersteigt die endliche Fassungskraft des Menschen. Ja, ich weiss. Für Kant gibt es in der Kunst keine Erhabenheit, es sei höchstens eine schlechte Nachahmung des Erhabenen in der Natur. Trotzdem: Unser Gemüt wird bewegt.

„Auf das Sublime, auf unsere Wahrnehmung und die weißen Schuhe“ heißt es für uns später auf der österreichischen Party zum Sound von Electric Indigo und leckerstem „Spritz Veneziano“ (Ja, wirklich- Aperol Spritz heißt in Wahrheit so…wieder etwas gelernt).