Ars Electronica Festival

10 Okt Ars Electronica Festival

Linz spielt im weltweiten Kunstgeschehen das ganze Jahr über keine außergewöhnliche Rolle. Kaum eine Ausstellung schafft es in die internationale und überregionale Berichterstattung. Sogar für unser wichtigstes Ausstellungshaus für moderne und zeitgenössische Kunst, das Lentos Kunstmuseum, ist es schwierig im in Wien angesiedelten Blatt Der Standard einen halbseitigen Bericht über eine aktuelle Ausstellung zu erhaschen. Einmal jährlich wird Linz aus dieser Bedeutungslosigkeit gerissen und zum gefühlten Zentrum der Welt, zumindest für all jene, die sich für digitale Kunst begeistern. Die Ars Electronica ist ein Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft und findet an fünf Tagen an unterschiedlichen Ausstellungsräumen in Linz statt. Hauptspielstätte war nun zum zweiten Mal die sogenannte PostCity, wie das ehemalige Postverteilerzentrum in Bahnhofsnähe getauft wurde. Mit 534 Veranstaltungen an 5 Tagen und 842 mitwirkenden KünstlerInnen & WissenschaftlerInnen aus 50 Ländern war das Programm der Ars Electronica in diesem Jahr so umfangreich und intensiv wie noch nie. Mittlerweile haben sich bereits mehr oder weniger unabhängige Unterfestivals gebildet, z.B. das Animationsfilmfestival im Central oder die Angebote im Kontext von zeitgenössischer klassischer Musik. Trotz Programmheften und Timetables ist eine Orientierung am Festivalgelände und eine Übersicht über das Tagesprogramm beinahe unmöglich. Wegen des nicht zu bewältigenden Umfangs habe ich meinen Bericht aufgeteilt und widme der sehr gelungenen Ausstellung der preisgekrönten Medienkunstwerke im OÖ Kulturquartier CyberArts (hier Link) einen eigenen Text. Der diesjährige Titel lautete etwas sperrig „Radikal Atoms and the alchemists of our time“ und wirft damit mehr Fragen auf, als er beantwortet. Der erste Teil des Titels geht auf ein Projekt von Prof. Hiroshi Ishii zurück. Der aktuelle Leiter der Tangible Media Group des MIT Media Lab vereinigt unter dem Titel „Radikal Atoms“, der ursprünglich auf die Chemie zurückgeht, seine Bemühungen dem „Pixelimperium“ materielle und sinnlich erfahrbare Bits entgegenzusetzen. Der zweite Teil des Titels will die am diesjährigen Festival ausstellenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen als die Alchemisten unserer Zeit verstanden wissen.

Wie die damalige Alchemie als Kind ihrer Zeit heute in vielen Punkten stark zu kritisieren ist oder bisweilen absurd scheint, so müssen auch einige der hier vorgestellten Projekte diesen Vergleich nicht scheuen. Die zentrale Schau „Alchemists of our Time“ in der POSTCITY bietet einen recht unkritischen Blick auf unsere Zeit und ihre technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Als Beispiel möchte ich die familien-freundliche Präsentation von Kriegsgerät zu Unterhaltungszwecken nennen, die in der Beschäftigung mit diesem technologischen Wunderwuzzi „Drone“ vorherrschte. Im DroneLab in der Postcity bekam man Einblicke in die zivilen Möglichkeiten der Drohnen-Anwendung, wie Rennen, Kunstflüge, künstlerische Performances und Präsentationen von Fotografie und Film. Bei „DRONE 100 – Spaxels über Linz“ flogen vor der Klangwolke 100 mit LED bestückte Drohnen für 7 Minuten über der Donau.

 

 

 

Obwohl sie beim diesjährigen Festival einen so großen Raum einnahm vergaß man zu thematisieren, dass diese Innovation, wie so viele andere auch, im Kontext des militärisch-industriellen Komplexes entstand und derzeit massiv als Kriegswaffe eingesetzt wird und auch das Thema Überwachung und Sicherheit wurde im Angesicht der ganzen aufregenden Drohnen-Action schnell vergessen.

Es verwundert also nicht, dass auch die kreativ-wirtschaftliche Umnutzung von Industrierobotern eine große Rolle spielte. Der Maler Dragan Ilic ließ sich bei „Roboaction(s) A1 K1“ von einem Industrieroboter über das Gemälde führen und die „Sculpture Factory“ von Quayola produzierte während des gesamten Festivals lebensgroße Skulpturen in Serie.

Das Ars Electronica Festival wird mehr und mehr zur Leistungsschau der Möglichkeiten. Die Diskussion, ob wir diese Möglichkeiten tatsächlich ergreifen möchten und deren Folgen für unsere Gesellschaft blieb leider aus. (Diese Kritik bezieht sich allerdings nicht auf die CyberArts Ausstellung, bei welcher digitale, gesellschaftliche und technische Entwicklungen intelligent und kritisch künstlerisch thematisiert wurden.)