ALTERNATIVE FACTS

03 Aug ALTERNATIVE FACTS

W h a t  ́s h a u n t i n g t h e o f f i c e ?

Zu Eröffnung und Abriss der Ausstellung „a l t e r n a t i v e f a c t s“

Im Calwerkopfbau, inmitten der brütenden Hitze von Stuttgart, liegt das Büro in dem die „real officers“ Birgit Gebhard und Maximilian Lehner ihrer völlig polizeifreien Arbeit nachgehen. Oder es lag einmal dort, denn so wie das Thema der Ausstellung selbst, ist auch ihr Setting: schwebend in einer immer schon abwesenden Gegenwart.

„Alternative Facts“ präsentiert an vier Tagen ausgewählte Arbeiten, in denen sich Fakt und Fiktion einen heftigen Flirt liefern. Dabei handelt es sich um die letzte Bespielung des Gebäudes, denn bald wird der 70er-Jahre-Gebäudekomplex von der Bildfläche verschwinden, wie eine aussortierte Zukunftsoption.

Damit klar ist, dass es sich hier um eine ernstzunehmende Institution handelt, begrüßt einen gleich gegenüber des Eingangs der leuchtende Guggenheim-Schriftzug von joechlTRAGSEILER, deren Spezialität es ist mit minimalen Eingriffen, verlassene Räume und Un-Orte mit neuen Versprechen aufzuladen. Dafür benötigen sie bloß die Energie einer Autobatterie um anzustrahlen was so alles shady ist, am art business.

Ansonsten wird der Vorraum beherrscht von einer samtig ockerfarbenen, runden Couch und gefühlt tausend Varianten blühenden Unkrautes, die von der Decke hängen und aus den Ecken wuchern. Für diese, an alte Star Trek-Filme erinnernde Szenografie zeichnet sich Helmut Dietz verantwortlich, dessen schwindelerregender Riesenrad-Installation man sich eben darin hingeben kann.

P o s t c a r d s f r o m t h e f u t u r e

Seltsam abgeschirmt erscheint einem der vom rumänischen Duo Silvia Amancei und Bogdan Armanu, durch Fensterfolien und Hörspiel, verwandelte Raum. „There was a construction that never happened“ entstand während einmonatiger Residenz in Stuttgart und verschränkt den Abriss des einst so modernen Gebäudes mit einer Erzählung von der Unmöglichkeit des Kommunismus.

Auch Lörinc Borsos ‒ eine derzeit zehnjährige Kunstfigur, die sich jeglicher Eindeutigkeit verweigert ‒ schneidet historisches Material an: die simple Schwärzung jeweils eines Panels der in Holz gearbeiteten ungarischen Flagge wurde im Collegium Hungaricum Wien als derartig problematisch empfunden, dass sie kurzerhand abgehängt wurde. Schönerweise generierte dieser Umstand erst recht ordentlich Aufmerksamkeit.

Miķelis Fišers schließlich wirft jede falsche Ernsthaftigkeit über Bord und präsentiert Holzschnitte im  Postkartenformat, die so tolle Szenen zeigen wie Aliens beim „guided shopping“ in Paris, oder aktivistisch aktive Yetis. Dabei schaffen diese auf den ersten Blick absurden Bilder eine Welt voll wahrgewordener Verschwörungstheorien und dystopischer Entwicklungen.

Die Fragen nach aufgebauschten Zukunftsszenarien, der Zweifel am Konzept Utopie, die selbstreflexive Verortung der eigenen Arbeit im Kontext der Verwertungsstrategien westlicher Kunstinteressen und politischer Umbrüche scheint alle hier versammelten Positionen umzutreiben.

B a l l G a m e s

Sei es die Arbeit des österreichischen Kollektivs „monochrom“, die mit ihrem eigens erschaffenen Künstler Georg Paul Thomann den – leider wieder brandaktuellen – Konflikt zu umschiffen versuchten, 2002 in São Paulo als Vertreter einer bedenklich rechtslastigen Koalition wahrgenommen zu werden. „Monochrom“ gelingt durch eine Mischung aus Zufall und Konsequenz die immer weitere Verfestigung des fiktiven Künstlers und schließlich eine echte Intervention.

Oder Tatjana Macic, die mit „Discourse Game“ ein regelloses Spiel entwirft, bestehend aus einem Holzkasten und mehreren, mit Zitaten und Fragmenten aus Paul O ́Neills „Curating Subjects“ versehenen Bällen. Dabei verweist sie auf den Habitus der Kunstwelt, die ihr eigenen Phrasen und Stars (wie der längst zur Marke gewordene Hans Ulrich Obrist) und die eigentümliche Verwandlung von Diskursen in Trend-Themen, die ganz nach kapitalistischer Logik gefressen und verkauft werden.

Mein eigener Favorit ist (schon seit der Off-Biennale in Budapest) der britische Künstler Andy Holden, hier einmal mehr vertreten mit MI!MS, einem Manifest aus seiner Jugend das in einer Art filmischen Reenactments von skeptischen, unsicheren oder euphorischen Teenagern vorgetragen wird. Dabei kreist es um die Frage, wie mit Emotionen in der künstlerischen Arbeit zu verfahren ist, wie sie transportabel gemacht werden ohne zu verkitschen. Zynismus und Beliebigkeit sind ja häufige Probleme postmoderner Kunst, was heißt sie verlangt unbedingt Zustimmung oder bewegt uns erst gar nicht. Holden schafft eine Assemblage aus verschiedensten Kunstformen, die sein Manifest widerspiegeln, wie etwa kitschige Bilder, die mit Auszügen aus dem Manifest zu “memes” gemacht werden. Dabei bleibt er stets ernsthaft und unglaublich komisch zugleich. Angeblich gibt es auch eine einstündige Fassung des Films: bitte mit Popcorn und Taschentüchern.

Die Ausstellung “alternative facts” treibt zwar verschiedenste Blüten, bleibt aber konzeptuell trotzdem überzeugend. In dieser eigentümlichen Zone aus Teppichboden und Lüftungsschacht gelingt es Gebhard und Lehner eine Stimmung zu erzeugen, die irgendwo zwischen Museum, Tropenhaus und wilder Abrissparty liegt. Was tatsächlich mit nach Hause genommen werden kann, ist ein durchaus auch praktisches Wissen, nämlich dass man sich Fiktions- und Wirklichkeitskonstrukt durch liebevolle Zuwendung zu Eigen machen kann. Das betrifft letztlich auch den Begriff „alternative facts“ selbst, der ja bekanntlich orwellsche Züge aufweist und zu jener Form schizophrenen Denkens gehört, die im Hype um gewisse französische Philosophen, ganz en vogue sein könnte. Dass der Ort, aus dem aus diese multiplen Versionen oder auch Visionen hinausprojiziert wurden, schließlich verschwinden wird, scheint irgendwie schlüssig.

Oh and, hey Kelly Anne – we got it from here.