ALLES DAS UND NOCH VIEL MEHR

03 Feb ALLES DAS UND NOCH VIEL MEHR

Daniel Richter im 21er Haus

Himmel und Boden sind gleich weiß, deshalb schwebe ich ein wenig orientierungslos  zur Pressekonferenz von „Lonely Old Slogans“, Daniel Richters Werkschau im 21er Haus.  Ich versäume den Anfang der Konferenz, weil ich durch die menschenleeren  Räume schlendere und das spricht für die Ausstellung und vielleicht gegen  meine journalistische Zukunft.  Frau R. hat gerade ihre bescheidene Einführung beendet und Herr K. beginnt damit zu fragen was denn ein zeitgenössisches Werk ausmacht und sagt „Richters Bilder zwingen den Betrachter sich zu ihnen zu verhalten“ und „mit Händen und Fingern gemalt“ und „wie viel Information kann man auf einer Leinwand unterbringen“.  Ich frage mich ob mich eines der Bilder dazu gezwungen hat mich zu verhalten, wie ein Zwang-Feld aus unsichtbaren Kräften.  Richters Bilder sind zu Anfang abstrakt, Schichten aus Mustern und Farben,  als hätte jemand versucht eine verborgene Struktur freizulegen und immer wieder neue schrille Tapeten gefunden.  Dann gibt es eine narrative Phase voller paranoider Bilder von Polzisten mit Hunden die nach Resident Evil aussehen  oder zwei Menschen die ein Pferd erschlagen. Zu dem Pferdebild sagt Richter, er habe keine Ahnung gehabt wie ein Pferd aussieht und sich vor dem Spiegel vorstellen müssen er habe konkave Gelenke, oder wie das heißt und: „wenn man sich das eine Vorderbein ansieht ist das total falsch. Macht aber nichts für die Dramatik.“ Ich will mir das merken, man lernt schließlich nie aus. Weiter hinten gibt es dann  deutlich recherchierte Pferdebilder, wie Halli Galli Polly, von 2004, auf dem ein Pferd dabei ist von einer Ganzen Menagerie in Stücke gerissen zu werden, während eine Art Batman im Hintergrund zwei Eulen rettet.  Überhaupt gibt es jede Menge Referenzen auf  Musik, Graphic Novel und Subkulturen – wie etwas das titelgebende Bild, das einen traurigen Punk seine Lederjackenaufschrift „Fuck the Police“ zeigen lässt – mit denen Richter vor allem Humor beweist. Und ein wenig Hoffnungslosigkeit. Oder vielleicht auch nur ein scharfes Auge für die traurigen, abgenutzten Slogans unserer Zeit, die wir aus anderen Zeiten geklaut haben.  Ein kleiner Raum präsentiert ganz in rot und blau gehaltene Zeichnungen von Männern mit Turban, bewaffnet mit Gewehr und Gitarre, deren Positionierung  an Postkarten, oder alte Filmaufnahmen erinnert. Von einem Zimmer ins nächste wird man überrumpelt von der Verschiedenheit, von riesigen Leinwänden voller schreiender Farben zu kleinformatigen Grenzübergängen die still auf der Lauer liegen.  Tarifa, das schon 2001 entstand hängt ganz allein draußen, mit seinem riesigen schwarzen Meer und seinem kleinen orangen Boot voller Menschen. Was hätte ich vorher fragen sollen: „Lesen sie Nachrichten?“  Zu langweilig. „Wie oft bricht ihnen etwas das Herz?“ Zu intim. Ich gehe rüber zu den Pornobildern, die sind ganz neu.  Sex hat  schließlich auch mit Grenzpolitik zu tun. Die Körper drehen sich, vereinigen sich stellenweise, spucken ihre Organe aus oder dehnen sich bis man sie nicht mehr sieht, es gibt keine klare Linie mehr zwischen abstrakt und figurativ. Jemand wirft in die Fragerunde, nach dem Vortrag: „Herr Richter, stimmt das denn alles was der eben erzählt hat?“ Und Richter sagt: „All das stimmt und noch viel mehr.“ Na denn.