Alibis | Sigmar Polke 2015[:en]Alibis | Sigmar Polke 2015 von Maximilian Lehner

18 Jun Alibis | Sigmar Polke 2015[:en]Alibis | Sigmar Polke 2015 von Maximilian Lehner

Über die einladende Treppe hinter der Kasse des Museum Ludwig in Köln landeten eine Freundin und ich in der aktuellen Retrospektive Alibis zu Sigmar Polke leider entgegen der Verkehrsrichtung. In diesem Fall war es ein Glück. Die späten Experimente Polkes ermöglichten uns einen gänzlich anderen Einstieg: einen, der eine Skepsis an Darstellungen und dem Sehen an sich spüren lässt. Trotzdem – ein kurzer ganz konventioneller Blick auf die Ausstellung.

Es ist schön zu sehen, wie Alibis (vermutlich auch, wenn man in die richtigen Richtung geht) das Werk Polkes aufbereitet und seine Position klarmacht: Die Anfänge sind geprägt von dem Bild moderner amerikanischer Kunst, das in Europa nur allzu gerne rezipiert wurde. Die Leichtigkeit der Pop Art schwingt in den Bildern mit. Doch bei Sigmar Polke bleibt sie oberflächlich. Oberfläche spielt in dieser Zeit eine große Rolle bei ihm. So nutzt er bunte Stoffe oder Folie als Malgrund und verbindet diese mit Motiven aus Zeitungen und Illustrierten. In der Ausstellung sieht man etwa die Freundinnen (1965/1966) neben den Socken (1963), eine vermeintlich lustige Kombination, die eine große Kluft zeigt: Sehnsucht nach Sorglosigkeit und die Produkte, die den Alltag bestimmten. Abstrakt skizziert er damit die Realität der Nachkriegszeit, webt immer wieder Verweise an die nicht verarbeitete Nazizeit ein und übt Kritik an der künstlichen Warenwelt, welche die Pop Art zeigt.

ML_Polke_Freundinnen

Eine Kritik an der Kunstwelt könnte man als durchlaufendes Motiv sehen, das die Retrospektive zusammenhält. Besonders stark und auch unglaublich fesselnd tritt dies in Polkes Werken der späten 1960er hervor. In diesen beschäftigt er sich mit Mythen der modernen Kunst und persifliert diese in genialer Weise. So lässt er sich etwa von höheren Wesen anweisen, eine Ecke seiner weißen Leinwand schwarz zu malen, erfindet die Mathematik neu, tritt in geistigen Kontakt mit William Blake und sieht in einer Sternenkonstellation seinen Namen am Firmament. Alles ungefähr so genial wie die Maschine, mit der eine Kartoffel eine andere umkreisen kann, die von einer älteren Dame kurzerhand unter Protest des Aufsehers eingeschaltet wurde.

ML_Polke_Moderne_Kunst

Mit den Kartoffeln sind wir auch schon beim Material. Das tritt als bestimmendes Motiv der Arbeiten von Sigmar Polke ab den 1980ern hervor. Aus den Übermalungen von Zeitschriften und mehrschichtigen Malereien, Collagen und unterschiedlichen früheren Experimenten mit Materialkombinationen und Untergründen entwickeln sich interessante Schüttbilder aus Kunstharz und Lack, in welche Meteoritenstaub oder Silber eingearbeitet ist (The Spirits That Lend Strength Are Invisible (1988), erstmals in Europa zu sehen).

theSpirits

Die darauffolgenden Arbeiten lassen einen im Unklaren, wie ironisch der Polke der 60er und 70er tatsächlich war. Die kritische Haltung ist nicht mehr spürbar, die Werke aber interessant, indem sie Vorlagen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert manipulieren. Hier geht der Witz und die Einzigartigkeit verloren, selbst wenn die künstlerischen Experimente vielschichtiger sind. Wir sind froh, die Ausstellung umgekehrt gesehen zu haben und empfehlen das auch für andere Ausstellungen. Unsere Tickets wurden übrigens auch nicht kontrolliert.[:en]Über die einladende Treppe hinter der Kasse des Museum Ludwig in Köln landeten eine Freundin und ich in der aktuellen Retrospektive Alibis zu Sigmar Polke leider entgegen der Verkehrsrichtung. In diesem Fall war es ein Glück. Die späten Experimente Polkes ermöglichten uns einen gänzlich anderen Einstieg: einen, der eine Skepsis an Darstellungen und dem Sehen an sich spüren lässt. Trotzdem – ein kurzer ganz konventioneller Blick auf die Ausstellung.

Es ist schön zu sehen, wie Alibis (vermutlich auch, wenn man in die richtigen Richtung geht) das Werk Polkes aufbereitet und seine Position klarmacht: Die Anfänge sind geprägt von dem Bild moderner amerikanischer Kunst, das in Europa nur allzu gerne rezipiert wurde. Die Leichtigkeit der Pop Art schwingt in den Bildern mit. Doch bei Sigmar Polke bleibt sie oberflächlich. Oberfläche spielt in dieser Zeit eine große Rolle bei ihm. So nutzt er bunte Stoffe oder Folie als Malgrund und verbindet diese mit Motiven aus Zeitungen und Illustrierten. In der Ausstellung sieht man etwa die Freundinnen (1965/1966) neben den Socken (1963), eine vermeintlich lustige Kombination, die eine große Kluft zeigt: Sehnsucht nach Sorglosigkeit und die Produkte, die den Alltag bestimmten. Abstrakt skizziert er damit die Realität der Nachkriegszeit, webt immer wieder Verweise an die nicht verarbeitete Nazizeit ein und übt Kritik an der künstlichen Warenwelt, welche die Pop Art zeigt.

ML_Polke_Freundinnen

Eine Kritik an der Kunstwelt könnte man als durchlaufendes Motiv sehen, das die Retrospektive zusammenhält. Besonders stark und auch unglaublich fesselnd tritt dies in Polkes Werken der späten 1960er hervor. In diesen beschäftigt er sich mit Mythen der modernen Kunst und persifliert diese in genialer Weise. So lässt er sich etwa von höheren Wesen anweisen, eine Ecke seiner weißen Leinwand schwarz zu malen, erfindet die Mathematik neu, tritt in geistigen Kontakt mit William Blake und sieht in einer Sternenkonstellation seinen Namen am Firmament. Alles ungefähr so genial wie die Maschine, mit der eine Kartoffel eine andere umkreisen kann, die von einer älteren Dame kurzerhand unter Protest des Aufsehers eingeschaltet wurde.

ML_Polke_Moderne_Kunst

Mit den Kartoffeln sind wir auch schon beim Material. Das tritt als bestimmendes Motiv der Arbeiten von Sigmar Polke ab den 1980ern hervor. Aus den Übermalungen von Zeitschriften und mehrschichtigen Malereien, Collagen und unterschiedlichen früheren Experimenten mit Materialkombinationen und Untergründen entwickeln sich interessante Schüttbilder aus Kunstharz und Lack, in welche Meteoritenstaub oder Silber eingearbeitet ist (The Spirits That Lend Strength Are Invisible (1988), erstmals in Europa zu sehen).

theSpirits

Die darauffolgenden Arbeiten lassen einen im Unklaren, wie ironisch der Polke der 60er und 70er tatsächlich war. Die kritische Haltung ist nicht mehr spürbar, die Werke aber interessant, indem sie Vorlagen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert manipulieren. Hier geht der Witz und die Einzigartigkeit verloren, selbst wenn die künstlerischen Experimente vielschichtiger sind. Wir sind froh, die Ausstellung umgekehrt gesehen zu haben und empfehlen das auch für andere Ausstellungen. Unsere Tickets wurden übrigens auch nicht kontrolliert.